Susdal: Ein Nachmittag zwischen Kuppeln und Kuhwiesen
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Vom Kreml bis zum Erlöserkloster gehst du eine gute halbe Stunde. Oben die Hauptstraße, unten der Weg am Wasser. Nimm den unteren.
Dort läufst du an der Kamenka entlang, hast die Kuppeln über dir auf der Böschung und dazwischen eine Wiese, auf der im Sommer Kühe stehen. Das sieht aus wie ein glücklicher Zufall.
Es ist einer der bestbelegten Vorgänge der Stadt.
Die Wiese hat einen eigenen Erlass
Gegenüber dem Kreml, auf dem rechten Ufer, liegt der Iljinski Lug, die Elias-Wiese. Sie ist seit dem 19. April 1999 ein Landschaftsschutzgebiet der Oblast Wladimir, festgelegt durch ein Postanowlenije der Gebietsverwaltung mit der Nummer 247. Seit 2011 steht sie im staatlichen Kataster. Ihre Fläche beträgt 40,8 Hektar, mitten in der Stadt.
Sie ist die einzige besonders geschützte Naturfläche auf Susdaler Stadtgebiet.
Der Generalplan der Stadt begründet das ungewöhnlich deutlich. Er nennt die Auwiesen an der Kamenka „stadtbildende Systeme” und die Grundlage des ökologischen Gerüsts von Susdal. Eine Wiese gilt hier also als Teil des Stadtgrundrisses, so wie anderswo eine Straße.
Die Aussicht ist ein Schutzgegenstand
Der Blick von den Kremlwällen ist nicht deshalb frei, weil zufällig niemand gebaut hat. Er ist frei, weil er in Papieren steht.
Susdal ist ein historisches Siedlungsgebiet von föderaler Bedeutung. Der historische Kern trägt zusätzlich einen eigenen amtlichen Namen: „Altes Susdal”, geführt als historisch-städtebaulicher und landschaftlicher Komplex in den Grenzen des 17. bis frühen 20. Jahrhunderts. Was dabei geschützt wird, zählt die Stadtverwaltung ihren Bewohnern auf, und zwei Punkte der Liste sind bemerkenswert: die Silhouette der Bebauung, also das Verhältnis der senkrechten zu den waagerechten Betonungen, und die kompositorischen Sichtbeziehungen, also die Panoramen.
Auf dieser Liste steht damit der Blick auf die Häuser gleichberechtigt neben den Häusern.
Passend dazu hat die Stadt sechs Aussichtsplätze angelegt, an den Zufahrten und an der Hangkante über der Kamenka. Zwei davon liegen am Iljinski Lug, zwei oberhalb des Erlöserklosters. Zusammen sind es dreihundert Quadratmeter, auf denen du stehen darfst, damit du das Richtige siehst.
Was in Susdal vorgeschrieben ist
Und hier wird es genau. Die Stadtverwaltung gibt ihren Einwohnern eine Handreichung heraus, vier Seiten lang, die erklärt, was an einem Haus im historischen Kern erlaubt ist. Sie liest sich wie eine Bauanleitung für das Stadtbild.
Die Wände: Holz, gestrichen oder ungestrichen, als offener Blockbau oder mit Brettern verschalt. Oder keramischer Ziegel, gern mit Kalk überzogen, gestrichen oder geweißt. Ein anderes Material darf nur verwenden, wer die gesamte Wandfläche verputzt und anschließend streicht, und zwar in hellen Pastelltönen.
Das Dach: ungeprofiltes Blech, mit Falzen verbunden. Erlaubt sind Mennigerot und Dunkelgrau, dazu Braun und weiche natürliche Grüntöne. Dachdeckungen mit hohem Rückstrahlvermögen sind ausgeschlossen. Es darf also nichts blitzen.
Der Zaun: höchstens anderthalb Meter hoch, aus Holz, blickdicht oder kombiniert, mit Tor und Pforte, senkrecht verschalt auf Holz- oder Steinpfosten, gestrichen in der Farbe der Fassade. Und das nur an der Straßenfront.
Wer ein Denkmal besitzt, hat eine Schutzverpflichtung unterschrieben und muss der Denkmalaufsicht der Oblast jedes Jahr bis zum 1. Juli schriftlich berichten, wie weit er gekommen ist. Rund um jedes Denkmal liegt außerdem eine Schutzzone von hundert bis zweihundertfünfzig Metern.
Wenn du das einmal gelesen hast, gehst du anders durch Susdal. Die gedeckten Dachfarben und die niedrigen Holzzäune sind ein Beschluss, und einer, an den die Leute sich halten.
Der Kreml und die Kathedrale, die die erste war
Am südlichen Ende der Strecke liegt der Kreml auf seinen Erdwällen. In ihm steht die Geburtskathedrale, und die ist nach den Angaben des staatlichen Denkmalregisters die erste steinerne Kirche des russischen Nordostens gewesen.
Dreimal ist an derselben Stelle gebaut worden. Der erste Bau entstand unter Wladimir Monomach. Um 1148 ließ Juri Dolgoruki einen neuen errichten, dessen Fundament heute das untere Geschoss trägt. Zwischen 1222 und 1225 kam der dritte, weiße Steinbau dazu, und Teile seiner Fresken sind erhalten.
Was du heute siehst, entspricht laut Register dem Zustand von 1530, abgesehen von den Zwiebelkuppeln. Im Inneren stehen alte Türen in der seltenen Technik der Feuervergoldung.
Das Register führt die Kathedrale unter der Nummer 331510003950026. Solche Nummern muss man nicht wissen. Sie erklären aber, warum in dieser Stadt niemand einfach ein Fenster vergrößert.
Das Erlöserkloster am anderen Ende
Nördlich, hinter der Flussschleife, steht auf der Anhöhe das Spaso-Jewfimi-Kloster mit den roten Mauern. Es gehört zu den vier Susdaler Ensembles, die 1992 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurden, zusammen mit der Geburtskathedrale, den Erzbischöflichen Palaten im Kreml und dem Pokrowski-Kloster gegenüber.
Unter der Verklärungskathedrale liegt die Gruft, in der 1642 der Woiwode Dmitri Poscharski bestattet wurde. Derselbe Poscharski, dem 1612 ein Trupp Susdaler Bürger zum Volksheer nachzog. Wenn du auch in Jaroslawl warst, schließt sich hier ein Kreis.
Auf Erlass Katharinas II. wurde im Kloster ein Staatsgefängnis eingerichtet, und der Trakt ist heute Teil der Ausstellung. Das Museum zeigt ihn selbst, und wer will, geht hindurch.
Im Sommer wird in beiden gespielt
Seit 2025 gibt es in Susdal ein Sommerfestival für klassische Musik. Das erste lief vom 29. Juni bis 5. Juli 2025, und die Stadtverwaltung nennt es das größte Freiluftfestival für klassische Musik in Russland.
Interessant ist, wo gespielt wird. Die Sinfonieprogramme laufen im Spaso-Jewfimi-Kloster und im weißen Kreml, die Kammermusik und der Jazz in einem Saal, den die Susdaler ihr „Sarjadje” nennen. Beteiligt waren unter anderem das Staatsorchester Russlands, das Russische Nationale Jugendsinfonieorchester und das Stradivari-Ensemble des Mariinski-Theaters.
Gewachsen ist das aus etwas Älterem. Die Sommerschule der Stiftung „Nowyje imena” kommt nach Angabe der Stadt seit über dreißig Jahren jedes Jahr nach Susdal. Die Kinder, die dort üben, sind also länger Teil des Sommers als das Festival.
Wenn du wirklich nur einen Nachmittag hast
- Reihenfolge: Kreml und Wallblick zuerst, dann am Wasser nach Norden zum Pokrowski-Kloster und zuletzt hinauf zum Spaso-Jewfimi-Kloster. So läufst du ins Nachmittagslicht hinein.
- Gleich nebenan: Das Museum der Holzarchitektur liegt gleich neben dem Kreml am hohen Ufer. Dort stehen laut Kulturministerium rund zwanzig Holzbauten des 18. und 19. Jahrhunderts, in den sechziger und siebziger Jahren aus der ganzen Oblast zusammengetragen und ohne einen einzigen Nagel gebaut.
- Was es dort gibt: Im Café unter freiem Himmel Sbiten und Medowucha, dazu Kräutertee aus dem Samowar.
- Zeitbedarf: Die Strecke ohne Innenräume ist ein Nachmittag. Mit dem Kreml und dem Holzmuseum wird ein voller Tag daraus.
- Anreise: Über Wladimir und weiter mit dem Bus. Wie du die Bahnverbindung selbst prüfst, steht im Beitrag über das Bahnfahren in Russland.
- Der eigentliche Rat: Übernachte. Der Generalplan rechnet im Sommer mit mehr als sechstausend Besuchern am Tag, von denen nur knapp die Hälfte bleibt. Die andere Hälfte fährt am späten Nachmittag ab, und die Stadt, die dann übrig bleibt, gehört den Leuten, die dort wohnen.
Und am Ende ein Ballon
Einmal im Sommer wird die Stadt laut. Das Gurkenfest findet im Museum der Holzarchitektur statt, im Juli, und die Stadtverwaltung erklärt es mit einem Satz aus dem 18. Jahrhundert. Geschrieben hat ihn Ananij Fjodorow, der erste Geschichtsschreiber Susdals: In der Stadt Suschdal gebe es dank der Güte des Bodens und der Annehmlichkeit der Luft Zwiebeln und Knoblauch im Überfluss, Gurken aber erst recht.
Seitdem, schreibt die Stadt über sich selbst, habe sich Susdal zur Gurkenmacht erklärt, und zwar so entschieden, dass bis heute niemand widerspreche.
Es gibt Preise für die längste und für die salzigste Gurke, einen Meisterkurs im Einlegen und für die Kinder einen im Basteln der Akila-Puppe, die die Gärtner früher beim Einlegen aufstellten. Am Schluss lassen sie eine Gurkenpuppe an einem großen Ballon in den Himmel steigen. In ihrer Hosentasche steckt ein Brief für den, der sie findet.
Sie wird nicht immer gefunden.
Alle Fakten zu Anreise und Reisezeit stehen kompakt im Städteporträt Susdal.
Stand dieses Beitrags: 25. August 2026. Quellen, alle russisch: die Stadtverwaltung Susdal zur Geschichte und zum Bestand der Stadt, zum Gurkenfest und zum Sommerfestival, dieselbe Verwaltung mit dem Generalplan der Stadt und der Handreichung für die Einwohner zum Kulturerbe, sowie das Kulturministerium der Russischen Föderation zur Geburtskathedrale und zum Museum der Holzarchitektur. Öffnungszeiten und Termine ändern sich; prüfe sie vor der Fahrt an der Quelle.