Susdal
305 Baudenkmäler auf neun Quadratkilometern, vier davon Welterbe, und eine Verwaltung, die ihren Bewohnern die Dachfarbe vorschreibt. An Erhaltung, sagt die Stadt über sich, habe sie nicht ihresgleichen.
Susdal ist klein und dicht bebaut. Auf den neun Quadratkilometern des historischen Teils zählt die Stadtverwaltung 305 Denkmäler der Architektur und Geschichte: fünf Klosterensembles, dreißig Kirchen und vierzehn Glockentürme, dazu die Bürgerhäuser. Neunundsiebzig davon stehen unter föderalem Schutz, hundertsiebenundsechzig unter dem der Oblast.
Vier Ensembles gehören seit 1992 zum Welterbe der UNESCO: die Geburtskathedrale und die Erzbischöflichen Palate im Kreml, dazu das Spaso-Jewfimi-Kloster und das Pokrowski-Kloster.
Über sich selbst schreibt die Verwaltung, an Fülle der Denkmäler und an Erhaltung des ursprünglichen Aussehens kenne Susdal nicht seinesgleichen. Der Grund, den sie dafür nennt, ist unspektakulär und überzeugend: Die Stadt blieb in den Grenzen des 18. Jahrhunderts und behielt deshalb ihren alten Grundriss.
Wofür Susdal in Russland bekannt ist
Für Gurken.
So beschreibt sich der Ort selbst. Die Stadtverwaltung zitiert dafür den ersten Geschichtsschreiber Susdals, Ananij Fjodorow, Schlüsselträger der Geburtskathedrale, der im 18. Jahrhundert schrieb, in der Stadt Suschdal gebe es dank der Güte des Bodens und der Annehmlichkeit der Luft Zwiebeln und Knoblauch im Überfluss, Gurken aber erst recht.
Seitdem, so die Verwaltung weiter, habe sich Susdal zur Gurkenmacht erklärt, und zwar so entschieden, dass bis heute niemand widerspreche. Für die Einwohner seien Gurken die erste Leidenschaft. Es gibt eigene Wörter für die Größen, vom „Pikul” für die kleine bis zum „Selenez”.
Das Gurkenfest findet im Museum der Holzarchitektur statt, im Juli. Preise gibt es für die längste und für die salzigste Gurke, dazu einen Meisterkurs im Einlegen und für die Kinder einen im Basteln der Akila-Puppe, die früher beim Einlegen aufgestellt wurde. Zum Schluss steigt eine Gurkenpuppe an einem Ballon in den Himmel, mit einem Brief in der Hosentasche für den, der sie findet.
Was die Stadt ihren Bewohnern vorschreibt
Susdal ist ein historisches Siedlungsgebiet von föderaler Bedeutung, der Kern zusätzlich ein amtlich benanntes Denkmalgebiet: „Altes Susdal”, geführt in den Grenzen des 17. bis frühen 20. Jahrhunderts. Zwei Rechtsakte legen fest, was das bedeutet, ein Erlass des Gouverneurs der Oblast von 2010 und eine Anordnung des Kulturministeriums von 2016.
Geschützt sind dabei ausdrücklich die Silhouette der Bebauung und die Panoramen, also die Blickbeziehungen zwischen den Bauten. Was daraus für ein normales Wohnhaus folgt, hat die Verwaltung ihren Einwohnern auf vier Seiten aufgeschrieben:
- Wände aus Holz oder keramischem Ziegel, gestrichen, geweißt oder mit Kalk überzogen. Anderes Material nur unter Putz und Anstrich in hellen Pastelltönen.
- Dächer aus ungeprofiliertem Blech mit Falzverbindung, in Mennigerot, Dunkelgrau, Braun oder weichen Grüntönen. Stark spiegelnde Dachdeckungen sind ausgeschlossen.
- Zäune höchstens anderthalb Meter hoch, aus Holz, in der Farbe der Fassade, und nur an der Straßenfront.
Rund um jedes Denkmal liegt eine Schutzzone von hundert bis zweihundertfünfzig Metern. Wer ein Denkmal besitzt, berichtet der Denkmalaufsicht der Oblast jedes Jahr bis zum 1. Juli, was er getan hat.
Wenn Susdal also aussieht wie aus einem Guss, dann deshalb, weil jemand das aufgeschrieben hat.
Die Wiese, die einen eigenen Erlass hat
Gegenüber dem Kreml liegt der Iljinski Lug, seit dem 19. April 1999 ein Landschaftsschutzgebiet der Oblast, 40,8 Hektar groß und die einzige besonders geschützte Naturfläche im Stadtgebiet.
Der Generalplan nennt die Auwiesen an der Kamenka „stadtbildende Systeme” und die Grundlage des ökologischen Gerüsts der Stadt. Er hält außerdem fest, was in Susdal fehlt und anderswo den Blick verstellt: nennenswerte Industrie. Sechs angelegte Aussichtsplätze verteilen sich auf die Zufahrten und die Hangkante über dem Fluss.
Ein Dorf, das ins Museum gebracht wurde
Im Museum der Holzarchitektur am hohen Ufer der Kamenka stehen nach Angaben des Kulturministeriums rund zwanzig Holzbauten des 18. und 19. Jahrhunderts, ohne einen einzigen Nagel gefügt. Sie wurden in den sechziger und siebziger Jahren aus der ganzen Oblast hierher gebracht. Dieses Verfahren, heißt es dort, werde inzwischen weltweit angewandt.
Das Museum hat einen Kalender, der durchs ganze Jahr trägt: Weihnachten am 7. Januar, die Fastnachtsspiele mit Gänsekämpfen im Februar und März, das Handwerkerfest zu Pfingsten im Mai oder Juni und im Juli das Gurkenfest. Im Café unter freiem Himmel gibt es Sbiten und Medowucha, dazu Kräutertee aus dem Samowar.
Klassische Musik im Kloster
Seit 2025 gibt es ein Sommerfestival für klassische Musik, das die Stadtverwaltung als das größte Freiluftfestival dieser Art in Russland bezeichnet. Das erste lief vom 29. Juni bis 5. Juli 2025. Gespielt wird an Orten, die man sonst nur besichtigt: Sinfoniekonzerte im Spaso-Jewfimi-Kloster und im weißen Kreml. Kammermusik und Jazz laufen in einem Saal, den die Susdaler ihr „Sarjadje” nennen.
Der Ursprung ist älter. Die Sommerschule der Stiftung „Nowyje imena” kommt seit über dreißig Jahren jeden Sommer nach Susdal.
Die erste steinerne Kirche des Nordostens
Die Geburtskathedrale im Kreml war nach dem staatlichen Denkmalregister die erste steinerne Kirche des russischen Nordostens. Dreimal wurde an derselben Stelle gebaut, zuletzt zwischen 1222 und 1225 in weißem Stein; Fresken aus dieser Zeit sind erhalten.
Ihr heutiges Aussehen entspricht laut Register dem Stand von 1530, abgesehen von den Zwiebelkuppeln. Im Inneren stehen alte Türen in der seltenen Technik der Feuervergoldung.
Zwei Auszeichnungen, die die Stadt selbst nennt
Am 20. August 1974 bekam Susdal den Orden „Ehrenzeichen”, für seinen Beitrag zur Bekanntmachung des Kulturerbes und zur Restaurierung altrussischer Baukunst, damals zum 950. Jahrestag. 1983 kam der „Goldene Apfel” der FIJET dazu, der internationalen Vereinigung der Tourismusjournalisten.
Die Arbeit, für die es den Orden gab, hatte 1967 begonnen: Ab da wurde Susdal auf Regierungsbeschluss zu einem Zentrum für Tourismus und Museen ausgebaut.
Wann und wie
Die Anreise geht über Wladimir und von dort mit dem Bus. Einen eigenen Bahnhof hat Susdal nicht; wie du die Verbindung selbst prüfst, steht im Beitrag über das Bahnfahren in Russland.
Susdal ist die eine Stadt am Ring, für die sich der Winter wirklich lohnt. Der Ort liegt flach und niedrig da, bei Schnee verschwindet der Maßstab fast vollständig, und die Innenräume sind ganzjährig offen. Die zweitbeste Zeit ist der Juli, wegen des Gurkenfests und der Wiesen an der Kamenka.
Und übernachte hier. Der Generalplan rechnet im Sommer mit mehr als sechstausend Besuchern am Tag, von denen weniger als die Hälfte bleibt. Der Rest fährt am späten Nachmittag ab.
Mehr dazu
Meinen ausführlichen Bericht gibt es hier: Susdal: Ein Nachmittag zwischen Kuppeln und Kuhwiesen.
Stand dieses Porträts: 25. August 2026. Quellen, alle russisch: die Stadtverwaltung Susdal zur Geschichte und zum Bestand der Stadt, zum Gurkenfest und zum Sommerfestival, dieselbe Verwaltung mit dem Generalplan und der Handreichung für die Einwohner zum Kulturerbe, sowie das Kulturministerium der Russischen Föderation zur Geburtskathedrale und zum Museum der Holzarchitektur. Öffnungszeiten und Termine ändern sich; prüfe sie vor der Fahrt an der Quelle.