Susdal
Keine Bahn, kaum ein Haus, das eine Kirche überragt: Susdal ist per Regierungsbeschluss von 1967 zum touristischen Zentrum erklärt worden, und sieht auch so aus.
Susdal hat keinen Bahnhof. Nicht einmal neuntausend Einwohner. Und mehrere hundert Baudenkmäler.
Das klingt nach einem Wunder, ist aber Verwaltungsgeschichte. Im 19. Jahrhundert ließ die Eisenbahn den Ort einfach aus. Kein Anschluss, also kaum Industrie, also kaum Wachstum. Und am 1. August 1967 verabschiedete der Ministerrat der UdSSR die Verordnung Nr. 735 „Über die Schaffung eines touristischen Zentrums in der Stadt Susdal“: Denkmalschutz und Tourismus als erklärtes Staatsziel, aus der Altstadt sollte, so die Formulierung der Zeit, eine Art Stadt-Museum unter freiem Himmel werden. Der neue Hotelkomplex wurde bewusst außerhalb an die Kamenka gesetzt, damit das Zentrum unangetastet blieb.
Ganz fabrikfrei ist Susdal bis heute nicht. Es gibt weiterhin einen Molkereibetrieb und die Medowucha-Produktion, beide längst aus dem historischen Kern in die Gewerbezone verlegt. Aber die Silhouette gehört den Kirchen: In weiten Teilen der Altstadt gilt bis heute eine Höchsthöhe von 12 Metern bis zum Dachfirst, dazu Panorama- und Sichtachsenschutz. Das ist keine Stimmung, das ist eine Vorschrift.
Die Türme sind eingedellt, und das hat einen Namen
Wenn du einmal darauf geachtet hast, siehst du es überall: Susdaler Glockentürme tragen häufig ein konkav geschwungenes Zeltdach. Im Volksmund heißt diese Form „Susdaler Pfeife“, weil sie an eine auf den Trichter gestellte Flöte erinnert.
Sie entstand im 18. Jahrhundert und ist außerhalb Susdals und seiner Umgebung praktisch nicht anzutreffen. Es ist das Detail, das den Ort lesbar macht.
Warum fast jede Kirche doppelt steht
Noch so eine Eigenart mit handfestem Grund. Die Gemeindekirchen sind paarweise angelegt: eine große, hohe Sommerkirche ohne Heizung, und daneben eine kleine, gedrungene Winterkirche, die von außen fast wie ein Wohnhaus aussieht.
Das erklärt, warum die Stadt so überfüllt mit Kirchen wirkt. Es sind zum Teil dieselben Gemeinden, nur eben doppelt gebaut.
Die Goldenen Tore
Wenn du den Kreml von Susdal schon kennst: Sieh dir in der Geburtskathedrale die beiden Türpaare aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts an.
Sie sind in der Technik der „goldenen Auflage“ gefertigt: Gold wurde in Quecksilber gelöst, das Amalgam auf schwarz lackiertes Kupfer aufgetragen und ausgebrannt. Der älteste erhaltene Gegenstand dieser Art auf dem Gebiet der Rus. Jeder Flügel trägt vierundzwanzig Bildfelder; ganz unten wiederholen sich Raubkatzen und Greife, deren Schwänze in Flechtornament übergehen.
Der beste Blick, den kaum jemand nutzt
Der Prepodobenskaja-Glockenturm im Rischpoloschenski-Kloster ist zweiundsiebzig Meter hoch, gebaut zwischen 1813 und 1819 von einem Susdaler Maurer, als Denkmal für den Sieg über Napoleon. Er ist das höchste Bauwerk der Stadt und hat eine begehbare Aussichtsplattform.
Von dort oben versteht man, warum Susdal aussieht, wie es aussieht: Es gibt keine Konkurrenz in der Höhe.
Ein Brunnen, in dem ein Mensch läuft
Im Museum für Holzarchitektur am Kamenka-Ufer stehen achtzehn Holzbauten des 18. und 19. Jahrhunderts, ab den 1960er Jahren zusammengetragen: Kirchen, Bauernhäuser, Windmühlen, Speicher auf Pfählen.
Das ungewöhnlichste Objekt ist ein Tretrad-Brunnen. Ein Mensch steigt in ein großes Holzrad und läuft darin wie auf einer Treppe, um Wasser zu heben.
Über sechzig Filme wurden hier gedreht, darunter Tarkowskis „Andrej Rubljow“ und „Balsaminows Hochzeit“ von 1964. Für Letzteren ließ Mosfilm zumindest die Handelsreihen auffrischen.
Zwiebel, Meerrettich und Gurke
Der alte Susdaler Spruch geht so: „Zwiebel, Meerrettich und Gurke, das ist der Susdaler Kaufmann.“
Bis Ende des 19. Jahrhunderts lebte die Stadt von Zwiebel, Knoblauch und Meerrettich. Als die Zwiebelmücke die Zwiebelkulturen befiel, rückte die Gurke nach und wurde um 1900 im großen Stil angebaut, verkauft auch in die umliegenden Industriestädte. Seit 2001 gibt es das Gurkenfest im Holzarchitekturmuseum am Fluss, traditionell im Juli, der genaue Termin wechselt von Jahr zu Jahr, 2026 zum Beispiel als zweitägiges Fest am 1. und 2. August.
Im Juli riecht die ganze Stadt nach Dill und Meerrettichblatt, weil überall eingemacht wird.
Medowucha, und woher sie wirklich kommt
Der Honigwein ist alt. Die Susdaler Medowucha, die man heute trinkt, hat aber ein Datum: 1967 wurde hier eine Honigbrauerei eröffnet, das erste Unternehmen dieser Art im Land, auf Regierungsbeschluss zur Förderung des Inlandstourismus. In den Neunzigern stand die Produktion still, seit 1999 läuft sie wieder.
Es gibt sie alkoholfrei und in zwei Stärken, dazu Sorten mit Hagebutte, Hopfen, Meerrettich, Minze und Wacholder. Im Zentrum gibt es einen Verkostungsraum.
Wann und wie
Es gibt keinen Bahnhof. Die Anreise geht immer über Wladimir: „Lastotschka“ ab Moskau in gut anderthalb Stunden, dann Bus, rund vierzig Minuten. Tür zu Tür also rund drei Stunden.
Susdal ist die eine Stadt am Ring, für die sich der Winter wirklich lohnt. Die Stadt liegt flach und niedrig da, bei Schnee verschwindet der Maßstab fast vollständig, und die Innenräume, die man sehen will, sind ganzjährig offen. Die zweitbeste Zeit ist der Juli: Gurkenfest (Termin wechselt jährlich, siehe oben) und blühende Wiesen an der Kamenka.
Übernachte hier. Tagsüber kommen die Busgruppen, abends ist niemand da. Genau dieser Unterschied ist der Grund herzufahren.
Mehr dazu
Meinen ausführlichen Bericht gibt es hier: Susdal: Ein Nachmittag zwischen Kuppeln und Kuhwiesen.