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Die Uwod in Iwanowo, dahinter die Promenade mit Spielplatz und die Hochhäuser der Stadt

Iwanowo

Vier Fünftel der russischen Bettwäsche kommen aus dieser Gegend. Und mitten in der Stadt steht ein Wohnhaus in Schiffsform, in dem seit fast hundert Jahren gewohnt wird.

Iwanowo ist die Stadt des bedruckten Stoffs. Damit hat sie es zweimal weit über die Gegend hinaus gebracht: erst als Kattundruckerei des ganzen Reiches, dann als Baustelle der jungen Sowjetunion, auf der die besten Architekten des Landes ausprobieren durften, was ihnen einfiel.

Beides kannst du ansehen, und beides arbeitet noch. Der Stoff läuft in den Fabriken der Gegend weiter, die Häuser stehen an einer ausgeschilderten Strecke, und in den meisten von ihnen wird gewohnt.

Der Stoff, mit dem alles anfing

Angefangen hat es im Dorf. 1742 gründete hier der Leibeigene Grigori Butrimow die erste bäuerliche Manufaktur des Russischen Reiches, und ein halbes Jahrhundert später kam der Mann, dem Iwanowo seinen Ruf verdankt.

Ossip Sokow schnitt Druckstöcke, russisch манеры: eine Holzplatte mit eingeschnittenem Muster, die in Farbe getaucht, auf den ausgebreiteten Stoff gelegt und mit dem Holzhammer angeschlagen wird. Um 1780 verdingte er sich in Schlüsselburg bei einem ausländischen Fabrikanten und brachte von dort das Verfahren mit, mit dem Farben haften. 1787 eröffnete er am Ufer der Uwod seine eigene Druckerei. Danach verblassten die Iwanower Stoffe nicht mehr in der Sonne und liefen beim Waschen nicht aus, und Sokow zeichnete andere Muster darauf: Vasen, Blumengirlanden, Rosen und Ähren auf hellem Grund. Sein Manufakturgebäude steht noch, am Scheremetewski-Prospekt 44; heute ist dort die Kasaner Kirche.

1830 schrieb ein Moskauer Fachjournal, man könne diese Gegend das russische Manchester nennen. Stadt wurde Iwanowo erst danach, am 2. August 1871, als Alexander II. das Dorf Iwanowo und den Wosnessenski Possad zusammenlegte. Den heutigen Namen trägt sie seit dem 27. Dezember 1932.

Und der Stoff, den es heute gibt

Textilstadt ist Iwanowo geblieben, und zwar nicht im übertragenen Sinn. Nach Angabe der Regierung der Oblast kamen 2025 aus den Betrieben der Gegend 81 % der russischen Bettwäsche, 80 % der Baumwollstoffe, 97 % der Florstoffe und 96 % der medizinischen Gaze. Textil und Kleidung stellen fast die Hälfte der verarbeitenden Industrie. Wer in Russland Bettzeug kauft, kauft mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dieser Gegend.

Daher stammt auch der Beiname der Stadt. In den Fabriken, die Stoff webten und bedruckten, arbeiteten überwiegend Frauen, und deshalb hieß Iwanowo schon in den siebziger Jahren Stadt der Bräute. Groß gemacht hat den Ausdruck ein Lied: „Nu tschem my ne para”, gesungen von Andrej Mironow im Film „Tschestny, umny, neschenaty” von 1981.

Wer die laufende Produktion sehen will, kann das: Das Tourismuszentrum der Oblast bietet die Route „Iwanowo. Gestern, heute, morgen” an, vom Bahnhof über die Villen der Fabrikanten und die Große Iwanower Manufaktur bis in ein arbeitendes Werk. Anmeldung vorher.

Traktoren als Stoffmuster

Das ist das Stück, wegen dem sich diese Stadt auch für jemanden lohnt, der glaubt, schon alles gesehen zu haben.

Im Museum des Iwanower Kattuns in der Ulica Baturina 11/42 liegt die Textilsammlung des Burylin-Museums, nach dessen eigener Angabe rund 500.000 Muster vom Ende des 17. Jahrhunderts bis heute. Der berühmteste Teil ist das Agitationstextil der zwanziger und dreißiger Jahre: Sichel und Hammer, Zahnräder, Fabrikschlote, Traktoren und Luftschiffe. Das war kein Plakat, das war Kleiderstoff, und einige dieser Entwürfe wurden auf internationalen Ausstellungen ausgezeichnet.

Im selben Haus zeigt die Ausstellung „Slawa Saizew. Leben = Werk” den Modedesigner, der hier geboren wurde. Und wer selbst Hand anlegen will: Das Museum gibt Kurse im Stoffdruck, bei denen du ein Ornament mit dem Holzhammer aufschlägst.

Die Häuser, die etwas darstellen

In den zwanziger Jahren sollte Iwanowo eine Musterstadt des Sozialismus werden, und dafür holte man laut Stadtverwaltung die besten Architekten des Landes her. Entstanden sind, in ihren Worten, Häuser-Metaphern, Häuser-Kommunen, Fabrikküchen und der einzige konstruktivistische Bahnhof des Landes. Über 30 Bauten dieser Jahre sind erhalten.

Der Bahnhof von 1933 stammt von W. M. Kawerinski und war bei seiner Fertigstellung der siebtgrößte der UdSSR. Von 2018 bis 2020 wurde er wiederhergestellt, mit den Gipspaneelen und den Metlacher Fliesen; der blaue Saal ist in der Gestalt der fünfziger Jahre erhalten, der rote in der der achtziger. Einen Audioguide dazu bekommst du rund um die Uhr rechts vom Haupteingang, im Fenster des diensthabenden Gehilfen des Bahnhofsleiters.

Vom Bahnhofsplatz zum Platz der Revolution führt die Route „Krasnaja nit”, der rote Faden, eingerichtet von der Denkmalbehörde der Oblast und der Landesbibliothek. Acht Tafeln stehen unterwegs, auf jeder das Haus und daneben, wie es ursprünglich aussah. Am Prospekt Lenina 49 kommst du am Haus-Schiff vorbei, das der Moskauer Architekt D. F. Fridman 1929 und 1930 für eine Arbeiterwohnungsgenossenschaft baute: 212 Wohnungen, abgeschrägter Giebel als Bug, achtgeschossiger Turm als Heck, umlaufende Balkongalerien als Decks. Weiter unterwegs liegen die Schule mit der Sternwarte über dem linken Flügel und das Haus-Hufeisen, dessen äußere Wandkurve 186 Meter misst.

Zwei Städte auf einmal: Die eine hat Russland eingekleidet, die andere wollte vormachen, wie man künftig wohnt. Beide stehen noch, und beide sind bewohnt.

Der Fabrikant, der seiner Stadt ein Museum schenkte

Das Kattunmuseum sitzt im Wohnhaus von Dmitri Burylin, einem Jugendstilbau des Architekten A. F. Snurilow. Gegenüber, in der Ulica Baturina 6/40, steht sein Museum, und beide verbindet ein Gang unter der Straße, den die Stadtduma 1912 zusammen mit dem Museumsbau genehmigte.

Burylin sammelte, was ihm unterkam. Mit 33 Jahren zählte allein seine Münzsammlung nach Angabe des Museums rund hunderttausend Stücke aus 236 Staaten und Städten. Er zeigte seine Sachen 1893 auf der Weltausstellung in Chicago, und als er 1896 in Nischni Nowgorod alte Iwanower Druckstoffe ausstellte, sah sie sich Nikolaus II. an. Im selben Jahr schrieb er ins Testament, die Sammlung solle der Stadt gehören und niemals verkauft werden. Sein Museum für Industrie und Kunst wurde am 26. Dezember 1914 eröffnet.

Heute zählt das Museum über 780.000 Stücke: der Arsenalsaal mit rund fünfhundert Waffen und einer Samurai-Rüstung des 18. Jahrhunderts, die Goldene Kammer mit persönlichen Sachen des Emirs von Buchara, dazu ein Raum über die Bekanntschaft Burylins mit Lew Tolstoi.

Malewitsch und eine Mumie

Was Burylin an alter Kunst zusammengetragen hat, liegt heute im Kunstmuseum am Prospekt Lenina 33, über 45.000 Stücke. Der Aufbau dort ist der eigentliche Grund hinzugehen: In einem Saal hängen Malewitsch, Rodtschenko und Rosanowa, im nächsten steht die ägyptische Sammlung mit Mumie und Sarkophag. Russische Avantgarde und Altes Ägypten unter einem Dach, in einer Provinzstadt, weil ein Textilfabrikant das so wollte.

Zwei weitere Adressen lohnen sich:

  • Der Zentr Awangarda, eröffnet 2018 zum ersten Festival „Perwaja fabrika awangarda”, mit Ausstellungen und einer Vortragsreihe zur Avantgarde für Anfänger.
  • Das Museum des sowjetischen Autoprom, das in denselben Stadtrundgängen steht wie die Kunstsammlungen.

Die Schtschudrowskaja Palatka in der Ulica 10 Awgusta 36a ist der älteste Steinbau der Stadt: im 17. Jahrhundert Amtsstube für den Verwalter der Fürsten Tscherkasski, im 18. Jahrhundert vom reich gewordenen Bauern Ossip Schtschudrow gekauft und zur Stoffdruckwerkstatt umgebaut. Innen ist sie kein Museum und geschlossen, ansehen kannst du sie von außen.

Abends an die Uwod

Die Promenade an der Uwod ist die Fußgängerzone der Stadt, und die Iwanower nutzen sie zu jeder Jahreszeit. Von dort siehst du zwei Fabriken auf einmal, darunter die Große Iwanower Manufaktur. Seit 2020 ist der Abschnitt zwischen der Samoilowski-Brücke und der Brücke der Energetiker neu gemacht: breite Wege, Spiel- und Sportplätze, dazu ein kleines Amphitheater am Wasser. Im Sommer laufen dort die Stadtfeste „Proschektor” und „Uwod-FEST”.

Was um Iwanowo herum liegt

Die Stadt ist ein guter Ausgangspunkt, und die Oblast hat mehr zu bieten als ihr Zentrum:

  • Plios an der Wolga, der bekannteste Ort der Gegend. Isaak Lewitan malte hier nach Angabe des Tourismuszentrums rund zweihundert Bilder; eine der Anhöhen heißt heute Lewitan-Berg, in seinem Quartier ist ein Hausmuseum. Dazu das einzige Landschaftsmuseum Russlands mit Werken von Sawrassow, Schischkin und Polenow.
  • Jurjewez an der Stelle, wo sich Wolga, Nemda und Unscha treffen und das Gorki-Meer 16 Kilometer breit wird. Andrej Tarkowski ging hier zur Grundschule und nannte die Stadt die Heimat seiner Kindheit; in seinem Wohnhaus ist ein Museumszentrum, und das Filmfestival „Serkalo” wird hier eröffnet. Aus Jurjewez stammen außerdem die Brüder Wesnin, die den sowjetischen Konstruktivismus als Konzept entwickelt haben. Die Stadt selbst sollte im 20. Jahrhundert im Stausee verschwinden und wurde durch einen drei Kilometer langen Damm gerettet.
  • Palech, das Dorf der Ikonenmaler und der Lackminiatur. Über sechshundert Künstler arbeiten dort, jeder achte Einwohner. Museum der Lackminiatur samt Kurs im Bemalen, Ikonenmuseum, Hausmuseum von I. I. Golikow und die Kreuzerhöhungskirche.
  • Cholui, das zweite Miniaturendorf. Im Frühjahr tritt die Tesa über die Ufer, und das Dorf schickt bemalte Boote darauf hinaus, die Faraonki; daraus ist das Fest „Russisches Venedig” geworden.
  • Schuja, mit dem Vorortzug zu erreichen. Dort steht der höchste freistehende Glockenturm Europas, 106 Meter; beim Fest „Klänge des Osterfestes” darfst du hinauf und selbst läuten.

In der Oblast stehen nach Angabe des Tourismuszentrums über 850 Kirchen und Klöster. Zwei davon kennst du wahrscheinlich, ohne es zu wissen: Die Auferstehungskirche über Plios steht in „Shestoki romans”, und die Warwarinskaja-Kirche am Fuß des Lewitan-Bergs ist das Motiv von Lewitans „Abend. Goldener Plios”.

Für jeden dieser Orte brauchst du einen zusätzlichen Tag.

Wann und wie

Wie weit es nach Moskau ist, beantworten die Behörden verschieden: Die Regierung der Oblast schreibt 275 Kilometer, die Stadtverwaltung 319. Von dort fährt die „Lastotschka”. Innerhalb der Oblast fahren seit 2020 Schienenbusse der Reihe „Orlan”, nach Kineschma, Schuja, Teikowo, Furmanow und Gawrilow Possad; die Stadtverwaltung zählte im April 2023 zwei Millionen Fahrgäste und 44 Züge am Tag, ein Teil davon auf die Moskauer „Lastotschka” abgestimmt. Fahrzeiten und Preise prüfst du kurz vor der Reise bei RZD.

Essen: Die grünen Schtschi nach Iwanower Art bekommst du in einem Restaurant, das selbst ein Denkmal des Konstruktivismus ist.

Zuhören: Die Oblast liegt auf der Grenze zweier Dialektzonen, nördlich und mittelrussisch. Das Tourismuszentrum hat die auffälligsten Wörter gesammelt; „gonobobel” zum Beispiel ist schlicht die Heidelbeere.

Komm zwischen Mai und September. Das ist keine Bequemlichkeit, sondern eine Frage des Lichts: Diese Architektur lebt von harten Schatten auf hellen Flächen, und der rote Faden ist ein Fußweg von ein paar Kilometern.

Mehr dazu

Meinen ausführlichen Bericht über die Stadt gibt es hier: Iwanowo: ein Haus wie ein Schiff und ein Stoff mit Traktoren.

Quellen: Ивановский государственный историко-краеведческий музей имени Д. Г. Бурылина (Bestand, Museumsgeschichte, Schtschudrowskaja Палатка); Администрация городского округа Иваново (Stadtgeschichte, Sokow, Stadtwerdung 1871, Musterstadt des Sozialismus, „Stadt der Bräute”, Orlan-Netz); Комитет Ивановской области по государственной охране объектов культурного наследия samt Projekt «Красная нить» (Denkmalkarten und Baubeschreibungen); Правительство Ивановской области (Anteile der Textilproduktion 2025, Entfernung nach Moskau); Культура.РФ (Haus-Schiff, Kunstmuseum); АНО «Центр развития туризма и гостеприимства Ивановской области» (Bahnhof, Museen, Industrieroute, Küche, Promenade, Plios, Jurjewez, Palech, Cholui, Schuja, Kirchen der Oblast, Dialekt). Abgerufen am 24.08.2026. Öffnungszeiten und Preise ändern sich, Fahrpläne auch.

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