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Iwanowo: ein Haus wie ein Schiff und ein Stoff mit Traktoren

8 Min. Lesezeit

In den anderen acht Städten dieser Reihe läufst du mit dem Kopf im Nacken. In Iwanowo läufst du auf einer Linie, und die ist ausgeschildert: acht Tafeln vom Bahnhofsplatz zum Platz der Revolution, überwiegend am Prospekt Lenina entlang. Das Projekt heißt „Krasnaja nit”, der rote Faden, und eingerichtet hat es die Denkmalbehörde der Oblast zusammen mit der wissenschaftlichen Landesbibliothek.

Auf jeder Tafel steht das Haus, vor dem du stehst, und daneben, wie es ursprünglich aussah. Denn was du suchst, sieht von der Straße aus zunächst wie ein Wohnhaus. Es sind Wohnhäuser. Sie stellen nur etwas dar.

Der Bahnhof ist schon der erste Programmpunkt

Du steigst aus und bist mitten im Thema. Der Bahnhof von 1933 stammt von W. M. Kawerinski und war bei seiner Fertigstellung der siebtgrößte der UdSSR. Die Stadtverwaltung nennt ihn den einzigen konstruktivistischen Bahnhof des Landes, das Tourismuszentrum der Oblast den größten in dieser Ästhetik.

Von 2018 bis 2020 wurde er wiederhergestellt, samt Gipspaneelen und den Metlacher Fliesen am Boden. Zwei Säle tragen dabei zwei Zeiten: der blaue die Gestalt der fünfziger Jahre, der rote die der achtziger. Die Säulen des blauen Saals waren eine eigene Aufgabe, sie mussten vom Keller bis zur Decke abgetragen und in Stahl gefasst werden.

Bevor du losgehst: Rechts vom Haupteingang, im Fenster des diensthabenden Gehilfen des Bahnhofsleiters, gibt es rund um die Uhr einen Audioguide für das Gebäude.

Ein Schiff am Prospekt Lenina

Der Hauptpunkt der Strecke steht am Prospekt Lenina 49. Das Haus-Schiff baute der Moskauer Architekt D. F. Fridman 1929 und 1930 im Auftrag der Wohnbaugenossenschaft der Zweiten Arbeitersiedlung. Es steht seit 1995 unter föderalem Schutz, was in Russland die höchste Stufe ist.

Zwei Baukörper stoßen im spitzen Winkel aufeinander: die gerundete Wand läuft auf einen scharf abgeschrägten Giebel zu und macht daraus den Bug, der achtgeschossige Turm am anderen Ende ist das Heck. Die durchlaufenden Balkongalerien im zweiten und im obersten Geschoss sind die Decks, die kleinen Balkone dazwischen mit ihrer weiß gestrichenen Brüstung die Brücken. Das Ziegelmauerwerk des Hauptbaus ist verputzt und dunkelbraun gestrichen. In den beiden Bauteilen liegen 212 Wohnungen.

Ein Teil des Bildes fehlt allerdings, und das steht im Denkmalpass: Die durchgehende Verglasung am Fuß des Turms, die das Haus optisch vom Boden lösen sollte, ist zugemauert und betonartig verputzt worden.

Dass ausgerechnet hier so gebaut wurde, hat einen Grund, der in der Gegend selbst liegt: Die Brüder Wesnin, die den sowjetischen Konstruktivismus als Konzept entwickelt haben, stammen aus Jurjewez, hundert Kilometer flussabwärts.

Ein Vogel mit Sternwarte

Ein paar Schritte weiter, Prospekt Lenina 53, steht die Schule, die der Iwanower Architekt W. I. Pankow 1927 und 1928 baute. Sie heißt im Volksmund Haus-Vogel, weil der symmetrische Grundriss aussieht wie ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln. Vom Bürgersteig aus siehst du roten Ziegel mit grau verputzten Feldern und eine Fassade, die aus der Symmetrie fällt.

Schuld daran ist der Turm über dem linken Flügel, und der ist der eigentliche Grund, herzukommen: Es ist eine Sternwarte, mit einer umlaufenden Galerie und einer Spitze. In einer Schule, in einer Textilstadt, 1928. Der Bau hatte vierzehn Klassenräume, eine Turnhalle, eine Bibliothek und eine Kantine, und alle Räume bekommen Tageslicht.

Ein Bogen von 186 Metern

Ulica Gromoboja 13, das Haus-Hufeisen von 1933 und 1934, gebaut von A. I. Panow für die Mitarbeiter der OGPU. Sechs Geschosse und 104 Wohnungen, im Erdgeschoss ein Laden.

Von der Straße siehst du eine halbrunde Fassade, die Form erkennst du erst auf dem Stadtplan. Und sie ist kein Sinnbild: Der Halbkreis kam zustande, weil der Auftraggeber möglichst kompakt bauen wollte. Die Zahlen dazu stehen im Denkmalpass, und sie sind schöner als jede Deutung: 186 Meter misst die äußere Wandkurve, 108,5 Meter die innere, die Erker springen 3,5 Meter vor.

Das ist die Eigenart dieser Stadt: Die Bilder, nach denen die Häuser benannt sind, waren nie für Fußgänger gedacht. Sie waren für den Plan gedacht und für die Idee dahinter.

Das Haus, das ein Kollektiv sein sollte

Das größte Stück steht an der Ulica Krasnych Sor 1. Ilja Golossow bekam den Auftrag 1928 über einen Wettbewerb der Genossenschaft „Perwy rabotschi posjolok” und nannte den Bau selbst Haus des Kollektivs. Gebaut wurde er ab 1929; das Denkmalregister führt 1930 als Ende, der Denkmalpass 1931.

Geplant war kein gewöhnliches Wohnhaus, sondern ein Wohnkombinat auf vierhundert Wohnungen, zu dem Krippe, Kindergarten, Kantine, Wäscherei und ein Versammlungssaal gehörten. Vier langgestreckte Baukörper, deren Geschosszahl stufenweise von vier auf sechs steigt, an den Stirnseiten Loggien. Die Denkmalbehörde nennt es den ersten Versuch im Land, Arbeiterwohnungen für einen neu gedachten Alltag zu bauen.

Geändert hat sich beim Bauen und im Betrieb einiges: Die Fassaden blieben unverputzt, die Vordächer wurden kleiner, und wo die Alltagseinrichtungen lagen, sind heute Läden.

Wer Konstruktivismus nur als Stil kennt, sieht hier Backsteinblöcke. Wer weiß, was in ihnen geplant war, sieht Wohnungen, in denen die Wäscherei zum Haus gehörte. Dasselbe Gebäude, zwei völlig verschiedene Spaziergänge.

Wie ernst es der Stadt damit war, siehst du am besten an der Fabrikküche „Narpit Nr. 2” am heutigen Leninplatz, eröffnet am 8. August 1933. Sie machte täglich bis zu 125.000 Mittagessen. Ein Teil ging in neun Speisesäle, der Rest in Thermosbehältern an Kantinen und Betriebe. In den dreißiger Jahren aß nach Angabe der Denkmalbehörde mehr als die halbe Stadt von hier. 1952 baute sie A. I. Panow um und hängte der Fassade Rustika und Pilaster an.

Nachmittags: der Stoff, um den es die ganze Zeit geht

Die Häuser stehen hier, weil die Stadt Geld hatte, und das Geld kam vom Kattun. Am Nachmittag gehst du deshalb in die Ulica Baturina, wo zwei Museen einander gegenüberstehen und unterirdisch verbunden sind: das Kattunmuseum in Nummer 11/42, das Museum für Industrie und Kunst in Nummer 6/40.

Im Museum des Iwanower Kattuns, im Wohnhaus des Fabrikanten Dmitri Burylin, liegt die Textilsammlung: nach Angabe des Museums rund 500.000 Muster, vom Ende des 17. Jahrhunderts bis heute. Der bekannteste Teil ist das Agitationstextil der zwanziger und dreißiger Jahre: Sichel und Hammer, Zahnräder, Fabrikschlote, Traktoren und Luftschiffe. Das war kein Plakat und keine Fahne, das war Kleiderstoff. Einige dieser Entwürfe haben Preise auf internationalen Ausstellungen bekommen.

Wenn du Zeit hast, buch den Kurs im Stoffdruck. Du bekommst eine манера in die Hand, einen Druckstock mit eingeschnittenem Muster, tauchst ihn in die Farbe und schlägst ihn mit dem Holzhammer auf den Stoff. Genau so hat Ossip Sokow, ein Leibeigener des Grafen Scheremetew, hier 1787 angefangen.

Der Gang unter der Straße führt hinüber ins Museum für Industrie und Kunst, das Burylin der Stadt gebaut und am 26. Dezember 1914 eröffnet hat. Die Stadtduma hatte den Tunnel 1912 zusammen mit dem Museumsbau genehmigt. Es heißt, im Gang sei die Kaufmannsfrau Neburtschilowa unterwegs; das Tourismuszentrum der Oblast erzählt die Sache als Legende, und so gebe ich sie weiter.

Wo die Stadt heute Stoff macht

Der Kattun ist kein Museumsthema. Nach Angabe der Regierung der Oblast kamen 2025 aus den Betrieben dieser Gegend 81 % der russischen Bettwäsche, 80 % der Baumwollstoffe und 96 % der medizinischen Gaze. Das erklärt, warum die Stadt nicht wie ein Freilichtmuseum wirkt: Sie arbeitet noch an derselben Sache.

Das Tourismuszentrum der Oblast verkauft genau das als eigene Reise: Die Route „Iwanowo. Gestern, heute, morgen” führt vom Bahnhof über die Villen der Fabrikanten und die Große Iwanower Manufaktur in eine laufende Produktion, in der du zusehen kannst, wie Material entsteht. Wer zu zweit oder in einer Gruppe kommt, meldet sich vorher bei den Veranstaltern an.

Aus derselben Wurzel stammt der Beiname der Stadt. In den Fabriken, die Stoff webten und bedruckten, arbeiteten überwiegend Frauen, und deshalb hieß Iwanowo schon in den siebziger Jahren Stadt der Bräute. Groß gemacht hat den Ausdruck ein Lied: „Nu tschem my ne para”, gesungen von Andrej Mironow im Film „Tschestny, umny, neschenaty” von 1981. Wenn du in Iwanowo jemanden darauf ansprichst, bekommst du entweder ein Augenrollen oder die ganze Geschichte.

Abends geht die Stadt ans Wasser

Wenn der Rundgang fertig ist, gehst du dorthin, wo die Iwanower selbst hingehen: an die Uwod, den Fluss mitten durch die Stadt. Die Promenade ist die Fußgängerzone der Stadt, zu jeder Jahreszeit, und von dort siehst du zwei Fabriken auf einmal, darunter die Große Iwanower Manufaktur.

Der Abschnitt zwischen der Samoilowski-Brücke und der Brücke der Energetiker ist seit 2020 neu gemacht: breite Wege, Spiel- und Sportplätze, dazu ein kleines Amphitheater am Wasser. Im Sommer laufen dort die Stadtfeste „Proschektor” und „Uwod-FEST”.

Von oben ist die Stadt das, was sie ist: eine Textilstadt mit einem Fluss darin. Sie stellt nichts dar. Nach einem Tag zwischen Häusern, die genau das tun, ist das die richtige Reihenfolge.

Zum Essen passt an diesem Abend nur eines: grüne Schtschi nach Iwanower Art, und die gibt es in einem Restaurant, das selbst ein Denkmal des Konstruktivismus ist. Du sitzt also im Thema.

Wenn du wirklich nur einen Tag hast

  • Reihenfolge: Bahnhof zuerst, der ist selbst Teil des Themas. Dann der rote Faden bis zum Platz der Revolution, nachmittags die beiden Museen in der Ulica Baturina, abends die Uwod.
  • Zeitbedarf: Ein Tag reicht für die Stadt. Für Plios, Palech oder Cholui brauchst du einen zweiten.
  • Weiterfahren: Seit 2020 fahren Schienenbusse der Reihe „Orlan” von Iwanowo nach Kineschma, Schuja, Teikowo, Furmanow und Gawrilow Possad. Damit sind die kleinen Städte der Oblast ein Tagesausflug und keine Expedition.
  • Nimm Zeit für den Kurs: Der Stoffdruck im Kattunmuseum ist das eine Stück dieser Reise, das du danach in der Hand hältst.
  • Wann: Zwischen Mai und September, und das ist keine Bequemlichkeit. Diese Architektur lebt von harten Schatten auf hellen Flächen, und der rote Faden ist ein Fußweg von ein paar Kilometern.

Alle Fakten zu Anreise und Reisezeit stehen kompakt im Städteporträt Iwanowo.

Quellen: Комитет Ивановской области по государственной охране объектов культурного наследия, Denkmalkarten auf culture37.ru und Objekttexte des Projekts «Красная нить» (Haus-Schiff, Schule, Hufeisen, Haus des Kollektivs, Fabrikküche, Bahnhof); Ивановский государственный историко-краеведческий музей имени Д. Г. Бурылина (Museen, Tunnel, Bestand); Администрация городского округа Иваново (Stadtgeschichte, Sokow, „Stadt der Bräute”, Orlan-Netz); Правительство Ивановской области (Anteile der Textilproduktion 2025); Культура.РФ (Haus-Schiff); АНО «Центр развития туризма и гостеприимства Ивановской области» (Bahnhof, Kattunmuseum, Legende, Uferpromenaden, Industrieroute, Küche). Abgerufen am 24.08.2026. Öffnungszeiten und Preise ändern sich, Fahrpläne auch.

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