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Uglitsch: Ein Tag im Palast der Brüder

8 Min. Lesezeit

Nach Uglitsch kommen die meisten übers Wasser. Die Wolga-Kreuzfahrtschiffe legen unterhalb des Kremls an, und für ein paar Stunden gehört das Städtchen dann den Passagieren. Ich kam über die Straße, auf Einladung der Union der Städte des Goldenen Rings, und hatte den Vorteil des Landwegs: Ich musste nicht zurück an Bord, als es gerade interessant wurde.

Nach Angabe der Stadtverwaltung kommen jährlich über 320 000 Besucher hierher. Die meisten sehen den Kreml und fahren weiter. Dieser Tag geht anders.

Wo die Wolga abknickt

Der Name erklärt die Lage. Eine der Deutungen führt ihn auf угол zurück, den Winkel: Der Fluss knickt hier scharf ab und legt sich der Stadt einmal quer vor die Füße. In den Chroniken erscheint die Siedlung als „Ugletsche Pole”, das Feld an der Wolga.

Über das Alter gehen die Angaben auseinander. Die Stadtverwaltung schreibt, Uglitsch erscheine seit 937 in den Chroniken, und fügt hinzu, die Stadt sei damals so klein gewesen, dass sie auf einen Flecken am Wolgaufer passte. Die in der Forschung übliche Ersterwähnung ist 1148. Ich nenne beide Zahlen, weil die Stadt selbst die ältere führt.

Der Palast der Brüder

Fang oben auf dem Kreml an, und zwar nicht bei der roten Kirche, die jeder fotografiert, sondern bei dem unscheinbaren Ziegelbau daneben.

Aus der Zeit der russischen Teilfürsten ist im Land fast kein Palastbau übrig. Erhalten sind aus dem 15. Jahrhundert drei Gebäude, und Jewgeni Liukonen zählt sie in der Aufsatzreihe des Uglitscher Museums auf: die Wladytschnaja Palata im Nowgoroder Kreml von 1433, gebaut nach norddeutscher Gotik, die Granowitaja Palata im Moskauer Kreml von 1487 bis 1491, gebaut nach italienischer Renaissance, und die Palate hier, die üblicherweise auf die 1480er Jahre datiert wird und die russische Meister errichteten.

Bauherr war Andrei Bolschoi, der Teilfürst von Uglitsch. Sein Bruder war Iwan III., der Großfürst von Moskau, und der ließ zur selben Zeit die Granowitaja Palata bauen. Zwei Brüder, zwei Paläste. Der eine steht im Kreml einer Hauptstadt, der andere an diesem Wolgaknick, und beide stehen heute noch.

Die Stadtverwaltung nennt die Palate das älteste Gebäude von Uglitsch, das im Urzustand erhalten ist. Wie wichtig sie dem Museum ist, siehst du am Logo: Es zeigt genau dieses Haus.

Vor dem Eingang steht seit dem 22. Dezember 2021 ein bronzenes Tastmodell aus dem Programm „Ein besonderer Blick auf den Goldenen Ring”. Blinde und sehbehinderte Besucher tasten den Palast damit ab, und eine kleine Menschenfigur an der Kante zeigt, wo man selbst gerade steht. Es lohnt sich, das auch mit offenen Augen einmal zu tun; man begreift den Grundriss in einer halben Minute.

Sonnenplättchen

In derselben Palate liegt die Abteilung, für die ich wiederkommen würde. Sie heißt „Uglitsch in Terrakotta, Uglitsch in Kacheln” und zeigt nach Angabe des Museums über 400 Ofenkacheln, geordnet nach Zeit.

Am Anfang stehen terrakottene Wand- und Bodenplatten des 15. Jahrhunderts aus der Palate selbst und aus der Verklärungskathedrale. Dann kommen die roten Kacheln des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, danach die grün glasierten Reliefkacheln, danach die mehrfarbigen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, danach die glatten Platten des 18. und 19. Jahrhunderts. Am Ende liegen die Kopien, die sowjetische Restauratoren für die Uglitscher Kirchen anfertigten.

Das Museum nennt diese Kacheln Sonnenplättchen und, schöner noch, Lebkuchen aus Ton. Es schreibt dazu einen Satz, der die ganze Gattung erklärt: Gemacht haben sie namenlose Künstler aus dem Handwerk, in kleinen Töpferwerkstätten, und darin spiegeln sich Alltag und Geschmack der Leute.

Wer will, bekommt daraus einen Weg durch die Stadt. Das Museum bietet eine Führung „Sonnenplättchen von Uglitsch” an, anderthalb akademische Stunden, nur auf Voranmeldung und mit eigenem Fahrzeug. Sie führt am Woskressenski-Kloster vorbei, am Alexejewski-Kloster, an der Kirche der Geburt Johannes des Täufers an der Wolga und am Kalaschnikow-Haus. Ab hier siehst du die Dinger überall, und das ist der Punkt.

Der beste Beleg steht im Alexejewski-Kloster: Die Kirche der Enthauptung Johannes des Täufers von 1681 trägt fünf Kuppeln aus Dachziegeln, und ihre Vorhalle ist mit farbigen Kacheln geschmückt. Das schreibt das Kulturportal des Kulturministeriums.

Die Kirche, die man von jedem Schiff aus sieht

Ein paar Schritte weiter steht die Kirche Dimitri auf dem Blut von 1692, blutrot gestrichen, mit blauen, goldbesternten Kuppeln, direkt über dem Wasser. Sie ist das Bild, das von Uglitsch bleibt.

Sie steht an der Stelle, an der 1591 der jüngste Sohn Iwans des Schrecklichen starb, ein Kind von acht Jahren. Die Stadtverwaltung schreibt, mit diesem Tod habe die Zeit der Wirren begonnen. Was genau geschah, ist seit vier Jahrhunderten strittig und wird es bleiben. Im Inneren zeigt das Museum, was davon geblieben ist, darunter die Sturmglocke, die damals Alarm schlug und dafür nach Sibirien verbannt wurde. Sie kam zurück und hängt heute wenige Schritte von der Stelle.

Mehr will ich dazu nicht schreiben. Die Geschichte ist bekannt, sie ist traurig, und sie ist nicht der Grund, warum dieser Ort einen ganzen Tag wert ist.

Die Festung, die es nicht gibt

Mauern hatte der Kreml früher, aus Holz, und erhalten ist davon nichts. Genau daran arbeitet sich das ehrgeizigste Projekt der Stadt ab. Es heißt „Die Festung, die es nicht gibt” und will die hölzerne Befestigung des 17. Jahrhunderts zurückbringen, nach den Planungen mit 193 Metern Mauer und Türmen von 20 Metern Höhe. Ein erster Anlauf platzte, seit dem Sommer 2025 wird mit kleinerem Budget tatsächlich gebaut. Als ich im August 2026 davorstand, waren die Balken frisch, und gezimmert wurde von Hand.

Ob am Ende alles so groß wird wie gezeichnet, wird sich zeigen. Zusehen kann man jetzt schon.

Die Stadt der Uhrmacher

Das zweite Kapitel ist sowjetisch, und es ist eines, das die Uglitscher selbst gern erzählen. In den Kriegsjahren entstand am Stadtrand das Werk für technische Präzisionssteine Nr. 2, aus dem später das Uhrenwerk Tschaika wurde.

Was dieses Werk für die Stadt war, beschreibt das Museum in seiner Aufsatzreihe deutlicher, als ich es könnte: Der Puls des Stadtlebens sei vom Werk bestimmt worden. Dazu gehörten Wohnhäuser, Kindergärten, ein Pionierlager, ein Kulturpalast und Bibliotheken. Und dann fällt der Satz, der hängen bleibt: Es war die Zeit, in der man Uglitsch die Stadt der Uhrmacher nannte.

Der Markenname kam aus dem All. „Tschaika”, die Möwe, war das Funkrufzeichen von Walentina Tereschkowa, und nach ihrem Flug übernahm das Werk es für seine Uhren. Ein Uhrenmuseum gibt es bis heute; der Tourismusdienst der Oblast führt es unter den Museen der Stadt. Die Zeiten sind knapp, frag vorher nach. Wenn du dabei Hilfe auf Russisch brauchst, nutz das Formular unter diesem Beitrag.

Nachmittag im Käsewerk

Wenn dir der Kreml bis mittags reicht, nimm nachmittags den Bus 1s, 2 oder 10s bis zur Haltestelle „Syrsawod”. Dort steht seit dem 12. März 2024 ein Museum-Werk mit laufender Produktionslinie.

Warum ausgerechnet hier Käse gemacht wird, erklärt die Firmengeschichte des Uglitscher Käse- und Molkereiwerks, und die Antwort ist angenehm unromantisch. Als Vater des russischen Käsehandwerks gilt Nikolai Wereschtschagin, der Bruder des Schlachtenmalers; er lernte in der Schweiz und eröffnete 1866 im Twerer Dorf Jedimonowo die erste Genossenschaftskäserei mit Schule. Nach der Revolution schlossen diese Genossenschaften. Wiederaufgebaut wurde das Handwerk 1935 in Uglitsch, weil hier die in Koprino entwickelten Rezepte und die Unterlagen lagen. Auf Anordnung des Handelsministers Mikojan entstand das Versuchskäsewerk samt Forschungslabor, und dort wurden die Rezepte für „Sowjetski”, „Jaroslawski”, „Uglitschski” und „Wolschski” entwickelt. 1944 wurde aus dem Labor ein Institut.

Die Papiere lagen also hier, und deshalb steht das Werk hier. Für 2025 zählte das Museum-Werk nach eigener Angabe 34 000 Gäste. Führungen beginnen um 10:00, 12:00, 14:00, 16:00 und 17:00, mit Verkostung von fünf Sorten oder ohne.

Hinkommen und weiterfahren

Die Kreuzfahrtschiffe legen unterhalb des Kremls an. Fahrpläne für Bahn und Fernbus prüfst du am besten kurz vorher; wie das geht, steht im Beitrag über das Bahnfahren in Russland.

Wenn nach Palast und Kacheln noch Zeit bleibt: Das Alexejewski-Kloster oben in der Stadt gründete der Mönch Adrian 1371, und seine Uspenski-Kirche von 1628 trägt drei Zelte nebeneinander. Solche Kirchen gibt es in Russland nur zwei, die andere steht in Wjasma. Das Museum der Wasserkraft neben dem Kraftwerk führt von Dienstag bis Sonntag um 11:00, 14:00 und 16:00, ohne Voranmeldung, und der Tourismusdienst der Oblast hebt eigens hervor, dass dort die Schilder mit „Nicht anfassen” fehlen.

Eine halbe Autostunde vor der Stadt liegt der Hof, über den ich schon geschrieben habe: Troizkoje: Der Pferdehof, der mit wackligem Internet wirbt. Im selben Dorf steht die Kirche, die in den 1930er Jahren als einzige der Gegend geöffnet blieb. Uglitsch ist die natürliche Basis für diesen Ausflug.

Alle Fakten zu Anreise und Reisezeit stehen kompakt im Städteporträt Uglitsch.

Bleibt der Dank: Nach Uglitsch gebracht hat mich die Golden Ring Union, der Verband der neun Städte des Goldenen Rings und der ständige Kooperationspartner dieser Seite. Website und Kontakt stehen im Partnereintrag der Union.

Stand dieses Beitrags: 24. August 2026. Quellen, alle russisch: der Aufsatz von Jewgeni Liukonen über die Fürstenpalate, die Kachelabteilung und die Stadtführung „Sonnenplättchen” des Uglitscher Museums, dessen Aufsatz zu 80 Jahren Uhrenwerk, die Stadtgeschichte der Verwaltung des Stadtkreises Uglitsch, das Kulturportal des Kulturministeriums zum Alexejewski-Kloster, der Tourismusdienst der Oblast Jaroslawl zur Stadt und zum Museum der Wasserkraft sowie die Firmengeschichte des Uglitscher Käse- und Molkereiwerks. Öffnungszeiten und Preise ändern sich; prüfe sie vor der Fahrt an der Quelle.

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