Troizkoje an der Ustje: Die Kirche, die nie zumachte
9 Min. Lesezeit
Neun Menschen. So viele wohnten bei der letzten Volkszählung in Troizkoje, und viele mehr sind es seitdem nicht geworden. Über ihren Dächern steht ein Glockenturm von 30 Metern, und darunter wird seit gut fünfhundert Jahren Gottesdienst gefeiert, fast ohne Unterbrechung.
Genau dieses „fast” ist der Grund, warum ich hier stehen geblieben bin. In den 1930er Jahren wurden die Kirchen ringsum geschlossen und ausgeräumt, in Ulejma, Iljinskoje, Saoserje, Wassiljewo, Kuryschino und Iwanowskoje. In Troizkoje ging es weiter. Wie das gelang, ist eine Geschichte von einem Bauern und ein paar Frauen, und sie kommt weiter unten.
Eine Kirche, die eine ältere verschluckt hat
Von außen ein Bau des katharinischen Klassizismus: gelbe Wände mit weißer Gliederung, darüber ein Glockenturm in klar abgesetzten Geschossen. 38 Meter lang, 15 Meter breit, 30 Meter bis zur Spitze des Kreuzes.
Das Bemerkenswerte daran sieht man nicht. Im östlichen Teil, dort wo der Hauptaltar steht, steckt eine komplette ältere Kirche: ein runder Ziegelbau von 1548, den man im Dorf die „Turmkirche” nannte. Als der Raum im 18. Jahrhundert nicht mehr reichte, hat man den alten Rundbau nicht abgerissen. Er blieb unverändert stehen, und Winterkirche und Glockenturm wurden westlich davor gesetzt. Wer heute vor dem Altar steht, steht in einem Raum aus der Zeit Iwans des Vierten, ohne dass ihm das jemand ansagt.
Bezahlt hat den Umbau die Gutsbesitzerin Anna Iwanowna Perchurowa, aus eigenem Vermögen. Die Baugenehmigung des Rostower Konsistoriums datiert vom 26. April 1784, und am 29. Oktober 1787 setzte der Erzbischof unter die Fertigmeldung seine Anweisung, die Kirche zu weihen und dazu „eine geziemende Predigt” zu halten. Als Baujahr steht fast überall 1780, in Nachschlagewerken, auf Kartendiensten und auf der Seite der Pfarrei selbst. Die Zahl stammt aus einem Handbuch von 1908, und gegen die Akten im Rostower Archiv hält sie nicht.
Warum überhaupt hier
Der Anfang liegt im Jahr 1492. Ein Mönch des Uglitscher Pokrowo-Paissijew-Klosters namens Wassian baute an dieser Stelle eine kleine hölzerne Kirche mitten in einer ebenso kleinen hölzernen Klause. Beides zusammen war so winzig, dass es vermutlich auf die Grundfläche passte, die heute allein die Kirche einnimmt.
Der Platz war kein Zufall. Am anderen Ufer der Ustje lag das Dorf Jamy, bewohnt von einem finno-ugrischen Stamm, und die Klause war als Vorposten dafür gedacht, dessen Bewohner zum Christentum zu bringen. Später taucht Jamy in den Kirchenbüchern als Teil derselben Pfarrei auf, so ist es also ausgegangen.
Das Kloster hat es nicht überstanden. 1609 wurde es von einem polnisch-litauischen Trupp geplündert und niedergebrannt. Die Lebensbeschreibung Wassians spricht von bis zu dreihundert Erschlagenen, Mönchen und Dorfbewohnern, die sich dorthin geflüchtet hatten. Was stehen blieb, war der Ziegelrundbau. Man setzte ihn instand und machte eine Pfarrkirche daraus. In der staatlichen Bestandsaufnahme von 1676 ist der Ort dann verzeichnet, mitsamt einer Lagebeschreibung, die bis heute stimmt: dort, wo die Zwenicha in die Ustje mündet.
Innen: Petersburg im Dorf
Der Ikonostas reicht vom Boden bis unter die Wölbung, geschnitzt und vergoldet, und er ist keine Dorfarbeit. Die Bilder von Christus, der Gottesmutter und Alexander Newski darin sind Kopien nach dem Hauptikonostas der Isaakskathedrale in Sankt Petersburg. Datieren lässt sich das Ganze über eine Verfügung des Jaroslawler Erzbischofs vom 23. Mai 1864 auf der erhaltenen Zeichnung, gebaut wurde es also um 1870 herum.
Wände und Decke sind in Ölmalerei ausgeführt. Praktischerweise hatte die Gemeinde die Gewohnheit, datierte Inschriften an die Wand zu schreiben, und deshalb weißt du hier genauer als in den meisten Dorfkirchen, wann was entstand: die Sommerkirche am 5. Juli 1856 aus dem Geld der Gemeinde, die beheizte Winterkirche am 4. Februar 1857 auf Kosten des Gutsbesitzers Iwan Semjonowitsch Teleschow.
In der Winterkirche siehst du gleich hinter der Tür die großen Feste an Wand und Decke, Taufe, Verklärung, Auferstehung und Himmelfahrt. Dazwischen sitzt der barmherzige Samariter, der dem Ausgeraubten hilft, nachdem Kaufmann und Priester an ihm vorbeigegangen sind.
Und noch etwas ist an dieser Kirche bauernschlau. Sie hat vier Altäre, und ihre Feiertage liegen alle außerhalb der Erntezeit: Dreifaltigkeit und die Ikone „Lebenspendende Quelle” im Frühjahr, der Michaelstag im Spätherbst, der Modestustag im Winter. Wer hier plante, wusste, wann Menschen auf dem Feld gebraucht werden.
Die Glocke, die Bauern aus Rostow geholt haben
1874 oder 1875, das Dorf war sich später nicht mehr einig, kam die große Glocke. Sie wog 197 Pud, gut drei Tonnen, und gegossen wurde sie in Jaroslawl. Bis Rostow fuhr sie auf einer Bahnplattform. Die restliche Strecke zogen Bauern sie auf einem eigens gebauten Wagen, von einem Dorf zum nächsten weitergereicht.
Am Tag des Aufzugs hielt der Priester einen Gottesdienst, segnete die Glocke und die Handwerker, und die Frauen banden nach altem Brauch bestickte Handtücher und Tücher an Glocke und Seile.
Damit war das Geläut vollständig, und seine Anordnung sagt viel über den Alltag hier. Die große Glocke hing in der Mitte, die mittlere im Südbogen, eine kleine im Ostbogen. Im Westbogen hing die Sturmglocke, die bei Feuer geschlagen wurde. Vier kleine hingen im Nordbogen, also zum Dorf hin. Nach dem Gottesdienst klang das Zusammenspiel so fröhlich, dass die Bauern witzelten, man könne dazu tanzen.
1935 wurden die Glocken heruntergeworfen. Die meisten zerschlugen beim Aufprall, die Bruchstücke lud man auf einen Wagen Richtung Uglitsch. Unterwegs stellte sich heraus, dass die Stadt wegen einer Quarantäne gesperrt war, also kippte man das Metall aufs freie Feld. Später trugen Männer und Jungen aus dem Dorf die Scherben nach Iljinskoje und gaben sie dort für ein paar Kopeken beim Altstoffhandel ab.
Wenn du heute in den Turm hinaufschaust, hängt oben wieder eine Glocke an ihrem Balken, und die Seile laufen nach unten. Im Geschoss darunter steht ein neues Holzgeländer vor der Öffnung.
Der Bauer, der sich in die gefährlichste Stelle im Dorf bewarb
Jetzt zu der Geschichte von oben.
Nach der Beschlagnahme des Kirchensilbers 1921 und 1922 kamen die Geistlichen an die Reihe. Priester Wenjamin Floridow und Diakon Sokolow gingen in ein Lager, die Frau des Priesters wurde nach Mittelasien verbannt. Die Stelle in Troizkoje war damit frei, und was sie einbrachte, war jedem klar.
Timofei Petrowitsch Lasarikow, Bauer aus dem Nachbardorf Wyssokowo, fuhr daraufhin von sich aus in die Jaroslawler Eparchie und bat darum, zum Priester von Troizkoje geweiht zu werden. Er wusste, was er tat. Kurz nach dem Amtsantritt wurde er verhaftet und kam ins Lager, wo er bis November 1933 blieb.
In dieser Zeit passierte das Entscheidende, und es passierte ohne ihn. Die Frauen des Dorfes organisierten unter Jewdokija Pawlowna Koroljowa im Stillen eine Sammlung: Sie trugen landwirtschaftliche Erzeugnisse zusammen, verkauften sie und bezahlten von dem Erlös die Steuern, die die Behörden auf die Kirche aufgeschlagen hatten. Damit fiel der Vorwand für eine Schließung weg. Die Sache blieb unentdeckt, und keine der Beteiligten wurde je belangt.
Als Lasarikow zurückkam, nahm er die Gottesdienste trotz offener Drohungen wieder auf. Er heiratete nie, nahm kein Geld aus der Kirchenkasse und lebte von dem, was die Leute ihm brachten; den Kindern im Dorf steckte er Brot und Zucker zu. Er starb am 29. September 1945, und im Dorf nennen sie ihn bis heute einen heiligen Menschen. Dazu gehört ein russisches Sprichwort, das sie an dieser Stelle gern anbringen: Kein Dorf steht ohne einen Gerechten.
Dazwischen liegt noch der 29. Juni 1931. An diesem Tag lief ein Feuer durch Troizkoje und vernichtete den größten Teil des Dorfes. Das nächstgelegene Bauernhaus brannte ab, das enteignete frühere Pfarrhaus fing Feuer, und am Fuß der Kirche verlor die Flamme ihre Kraft.
Wem wir das alles verdanken
Fast alles, was hier steht, stammt aus einem einzigen Aufsatz: Wiktor Burjakow, „Die fünfhundertjährige Geschichte des Swjato-Troizki-Tempels”, gedruckt in der Sammlung „Chronik der jaroslawschen Dörfer” (Rybinsk 2004). Burjakow ist kein auswärtiger Historiker. Der Kirchenälteste, der 1856 die Ausmalung mitverantwortete, war sein Vorfahr mütterlicherseits, und im Frühjahr 1931 gehörte er zu den Schuljungen, die im Dorf ein Tontöpfchen ausgruben, voll kleiner grob geprägter Kopeken mit einem Reiter, der einen Drachen sticht. Man hält das für die Kasse des Klosters, versteckt im Jahr des Überfalls und nie wieder abgeholt, weil niemand mehr lebte, der davon wusste.
Im Sommer 1995 kam noch ein Fund dazu. Bei einer Grabung am Fuß der Ostwand lagen in etwa zwei Metern Tiefe zwei Bestattungen, eine davon mit einem Metallkreuz von besonderer Form. Der Platz hinter dem Altar ist der ehrenvollste, den es gibt. Burjakow hält es für möglich, dass hier der Klostergründer Wassian und sein Nachfolger Martinian liegen, von den Polen aus der Kirche geworfen und später heimlich wieder begraben. Bewiesen ist es nicht, und er schreibt das auch so.
Im Oktober 1995 stellte das russische Kulturministerium den Denkmalpass für die Kirche aus.
Wenn du hinfährst
- Lage: 29 Kilometer südlich von Uglitsch, an der Mündung der Zwenicha in die Ustje. Der alte Name der Kirche heißt genau das: „Troizki-Kirche an der Ustje”. Zur Landgemeinde Iljinskoje sind es sechs Kilometer.
- Anreise: Am einfachsten mit dem Auto ab Uglitsch, über die Straße Richtung Rostow. Mit dem Bus fährst du die Linie 104 oder 104Г ab Uglitsch, Haltestelle Technikum, Richtung Jurjewo. Die Haltestelle liegt gut anderthalb Kilometer vor dem Dorf, den Rest gehst du. Fahrpläne auf dem Land ändern sich, frag am Busbahnhof nach.
- Anmelden: Für ein Dorf mit neun Einwohnern gilt dasselbe wie überall auf dem Land. Melde dich vorher, dann ist auch jemand da und schließt dir auf. Die Pfarrei nennt als Kontakt die Adresse
pigors@mail.ru, einen Gottesdienstplan veröffentlicht sie nicht. Wenn du nicht auf Russisch schreiben magst, stell mir deine Frage über das Formular unter diesem Beitrag, ich stelle den Kontakt her und übersetze. - Kleidung: Es ist eine Kirche im Betrieb, keine Museumsruine. Schultern bedeckt, für Frauen ein Tuch für den Kopf im Gepäck.
- Verpflegung: Gibt es nicht. Gegessen und übernachtet wird in Uglitsch.
Der Ort lohnt den Umweg auch deshalb, weil du ihn mit etwas anderem verbinden kannst: Im selben Dorf steht der Pferdehof, über den ich schon geschrieben habe, mit Pferdemuseum und Troika. Zusammen ergibt das einen ganzen Tag, und beides liegt fünf Minuten auseinander. Mehr dazu im Beitrag Troizkoje: Der Pferdehof, der mit wackligem Internet wirbt, die Basis für den Ausflug ist die Stadt aus dem Uglitsch-Bericht.
1908 zählte die Pfarrei 1150 Menschen, 324 davon im Dorf selbst. Heute sind es neun, und die Kirche steht, gestrichen und in Betrieb. Wer wissen will, wie ein russisches Dorf sich an einem Gebäude festhält, muss dafür nicht in ein Museum.
Gebracht hat mich hierher die Golden Ring Union, der Verband der neun Städte des Goldenen Rings und der ständige Kooperationspartner dieser Seite.