Jaroslawl: Wo die Wolga der Stadt den Takt gibt
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Fast jede Stadt am Goldenen Ring liegt an einem Flüsschen. Jaroslawl liegt an der Wolga, und die ist hier schon so breit, dass das andere Ufer eine eigene Gegend ist.
Der Fluss erklärt die Stadt. Wo die Kotorosl in die Wolga mündet, wurde sie gegründet. Vom Wasser kam der Handel, vom Handel das Geld, vom Geld die Kirchen. Die Tourismusverwaltung der Oblast nennt die zweigeschossige Wolgapromenade „jene 10.000 Schritte, die jeder Gast der Stadt gehen muss“. Das ist der Tag, den du hier vor dir hast.
Der älteste Stein der Stadt
Angefangen wird dort, wo die Kotorosl mündet: im Spaso-Preobraschenski-Kloster, das die Jaroslawler selbst „den Kreml“ nennen, obwohl es keiner ist. Heute ist das Gelände Museum, und zwar seit 1865, als eine Gesellschaft von Naturforschern ihre Sammlung öffnete. Das Museum schreibt über diese Anfänge, sie sei zusammengetragen worden „nicht mit Geld, sondern mit dem eifrigen Fleiß begeisterter Naturkundler“.
Die Erlöserkathedrale im Hof steht seit 1506 bis 1516. Ihr Vorgänger stürzte im großen Brand von 1501 ein, und in der Stadt gab es niemanden, der in Stein bauen konnte. Moskau schickte auf Geheiß Wassilis III. eine Bauhütte; nach Darstellung des Museums führte sie wahrscheinlich ein italienischer Baumeister.
Ihre Fresken von 1563/64 sieht man nur im Sommer: Der Bau ist eine Sommerkirche und vom 1. Mai bis zum 30. September offen, damit die Malerei die feuchte Jahreszeit übersteht. Wer außerhalb dieser Zeit kommt, hat trotzdem etwas davon. Das Museum hat die Wandmalerei 2025 vollständig fotografiert und aufbereitet, gut tausend Quadratmeter und über zweihundert Bildkompositionen, und zeigt sie ganzjährig auf dem Bildschirm, näher, als man je auf dem Gerüst stünde.
Und man kommt hinauf. Auf die Glockenwand führt eine Aussichtsplattform für 300 Rubel, auf die Wehrmauern und Türme eine für 150. Beides bleibt an Regentagen geschlossen, wie fast alles hier, was Stufen oder alte Farbe hat. Das Kombiticket für das ganze Gelände kostet 1.100 Rubel und gilt einen Tag, Mittwoch bis Sonntag.
Vier Monate Hauptstadt
Im Frühjahr 1612 zog das zweite Landesaufgebot unter Kusma Minin und Dmitri Poscharski in Jaroslawl ein und blieb vier Monate. Die Stadtverwaltung schreibt, das Heer sei hier von dreitausend Mann auf zwanzigtausend gewachsen.
Im Kloster tagte der „Rat des ganzen Landes“, und auf dem Klosterhof richtete das Aufgebot seinen Münzhof ein. Von März bis Juli 1612 wurden dort silberne Kopeken von Hand geschlagen, im Volksmund „Schüppchen“, mit einem Reiter, der Marke des Jaroslawler Münzhofs und der Umschrift „Zar und Großfürst Fjodor Iwanowitsch von ganz Russland“. Auf dem Museumsgelände steht heute ein Gedenkzeichen für diese Kopeke. Es ist ein kleines Ding, und es ist der Grund, warum das Aufgebot marschieren konnte.
Poscharskis Grab liegt gut zweihundert Kilometer weiter südlich, in Susdal, an der Ostwand der Erlöserkathedrale des Spaso-Jewfimi-Klosters.
Das Buch, das hier gefunden wurde
Das „Igorlied“, der bekannteste Text der altrussischen Literatur, wurde in Jaroslawl gefunden. Die Stadtverwaltung führt den Fund unter dem, was die Stadt der russischen Kultur gegeben hat, neben dem ersten Theater des Landes und der ersten Frau im All. In derselben Aufzählung steht Alexander Petrow, dessen Zeichentrickfilm „Der alte Mann und das Meer“ als erster russischer Animationsfilm einen Oscar bekam.
Das Museum widmet ihm eine eigene Dauerausstellung am Bogojawlenskaja-Platz 25, dienstags bis sonntags von 10:00 bis 18:00, 200 Rubel. Der Hof, in dem die Handschrift lag, ist derselbe, durch den du auf dem Weg zur Glockenwand gehst.
Das Haus, das die Stadt auf ihre Plakate setzt
Zwei Straßen landeinwärts steht die Elias-Kirche, und das Kulturportal der Oblast nennt sie das bekannteste Wahrzeichen Jaroslawls. Gebaut haben sie sich zwischen 1647 und 1650 die Kaufmannsbrüder Skripin, und sie steht bis heute mitten auf dem Platz, den Katharinas Regelplan von 1778 um sie herum geschnitten hat.
Innen ist alles von 1680, ausgemalt in knapp drei Sommermonaten von fünfzehn Malern aus Kostroma. An der Südwand läuft eine Szene, die hier alle nur „Die Ernte“ nennen: Bauern beim Roggenschnitt. Das Museum schreibt, ohne dieses Bild komme keine Veröffentlichung über Jaroslawl aus.
Offen ist täglich von 9:00 bis 21:00, aber nur in der warmen Jahreszeit und nicht bei Regen, denn geheizt wird nicht. Der Eintritt kostet 250 Rubel.
Der Bär, der im Wappen steht
Im Wappen der Stadt steht ein Bär mit einer goldenen Streitaxt. Dazu erzählt die Stadtverwaltung eine Überlieferung, und sie nennt sie ausdrücklich so: Jaroslaw sei hier an der Mündung auf eine Bärin getroffen und habe sie mit der Axt erlegt, und darum heiße die Stadt nach ihm.
Auf dem Klostergelände lebte lange eine echte Bärin, Mascha, die das Museum als „lebendes Symbol Jaroslawls“ führt. Sie ist im Ruhestand und empfängt keine Besucher mehr.
Dafür ist der Bär in dieser Stadt überall sonst. Auf der Fußgängerstraße Kirowa steht eine Bärenskulptur des Volkskünstlers Nikolai Muchin, und durch die halbe Innenstadt führt der Bärenpfad: 6,3 Kilometer, rund zweieinhalb Stunden, ausgeschildert mit Tatzenabdrücken. Er beginnt an der Mauer des Museums und endet an der Rotunde am Wasser, unterwegs stehen Stelen mit Audioguide. Seine erste Station ist der Nullkilometer des Goldenen Rings: Von diesem Zeichen an der Rewoluzionnaja werden die Entfernungen zu den anderen Städten des Rings gerechnet.
Wer echte Tiere sehen will, fährt eine Viertelstunde vom Bogojawlenskaja-Platz nach Schewelucha. Der Jaroslawler Zoo ist nach eigener Auskunft der erste Landschaftszoo Russlands, über 123 Hektar groß, und die Gehege dort haben die Größe von Wiesen. Bei den Öffnungszeiten widerspricht sich das Haus selbst, mal 9:00 bis 21:00, mal 10:00 bis 17:00; ruf vorher an.
Und im Museum läuft bis zum 17. Januar 2027 die Ausstellung „Äxte und Bären. Felle und Töpfe“, 300 Rubel.
Die Promenade, die aus Schiffsballast gebaut wurde
Vom Kloster geht es nach Norden ans Wolgaufer. Dass man dort spazieren kann, ist das Ergebnis eines Besuchs und einer sehr praktischen Idee.
1823 kam Kaiser Alexander I. nach Jaroslawl und sah ein Ufer, das der Fluss jedes Frühjahr abtrug. Gouverneur Alexander Besobrasow, den die Gebietsbibliothek den „Vater und Erbauer“ der Promenade nennt, nutzte die Gelegenheit und bat um Geld. 1825 begannen die Arbeiten nach dem Entwurf des Ingenieurs Germes und dauerten zehn Jahre.
Der Stein dafür kam von den Schiffen. Jedes Handelsschiff, das in Jaroslawl anlegte, musste vier Kubikmeter Bruchstein kostenlos abliefern. So kamen 17.500 Kubikmeter zusammen, und mit denen ist der Hang ausgelegt. Das gusseiserne Geländer oben stammt aus derselben Zeit und steht bis heute.
In den 1840er Jahren kam am Mjakuschkinski-Abstieg die weiße Rotunde dazu, sechs kannelierte Säulen und ein runder Aufsatz, an der Stelle eines verfallenen Holzpavillons im chinesischen Stil. Die Jaroslawler nennen sie den „Tempel der Liebe“, an ihrem Gitter hängen Schlösser, und an Sonnabenden kommen die Hochzeitspaare. Vier solcher Pavillons hat die Stadt, zwei an der Wolga und zwei an der Kotorosl.
Die untere Ebene ist jünger und hat einen technischen Grund: 1956 hob das Gorki-Wasserkraftwerk den Wolgapegel um zweieinhalb Meter, der Hang drohte zu rutschen, und in den 1960er Jahren wurde unten ein zweiter Weg angelegt. Er ist der stillere.
An dieser Promenade steht auch das Kunstmuseum, das die Oblast als größtes Kunstmuseum der russischen Provinz führt, im Gouverneurshaus an der Wolschskaja Naberschnaja 23. Bis zum 18. Oktober 2026 hängt dort eine Ausstellung zum Impressionismus aus eigenem Bestand, 400 Rubel. Zum Haus gehört der Gouverneursgarten. In der Nummer 1 sitzen die Metropolitenpalate aus den 1680er Jahren mit dem Museum für altrussische Kunst, und im Arsenalturm daneben ein kleines Café.
Die Landzunge
Dort, wo die Promenade anfängt und die beiden Flüsse zusammenkommen, liegt die Strelka. Hier stand die Burg, hier stand der Fürstenhof, und hier begann 1215 der erste Steinbau der Stadt, die Uspenski-Kathedrale: aus Ziegel, mit Weißsteinschnitt an den Fassaden, einem Boden aus bunten Majolikafliesen und Türen aus vergoldetem Kupfer. 1612 segnete hier der Metropolit den Fürsten Poscharski für den Zug nach Moskau.
Der Bau, der 1937 an dieser Stelle stand, wurde gesprengt; danach war hier ein Stadtpark. Die heutige Kathedrale ist ein Neubau nach neuem Entwurf, errichtet zwischen 2004 und 2010 zum tausendjährigen Stadtjubiläum. Unten am Wasser liegt der Park mit den Fontänen und der Stele zum Jubiläum, und daneben der Flussbahnhof: Die Stadtverwaltung wirbt selbst damit, dass die Wolga von hier aus Kreuzfahrten zu den anderen Städten des Rings öffnet.
Der Abend und der Festkalender
Der Abend gehört hier der Musik, und zwar in denselben Kirchen, die tagsüber Museum sind. Das Museum-Reservat gibt im Sommer eine Reihe Konzerte in seinen alten Bauten; am 23. September spielt eines davon wieder in der Elias-Kirche, 750 Rubel.
Und in der Innenstadt steht das erste Berufstheater Russlands, 1750 von Fjodor Wolkow gegründet, der Stiefsohn eines Lederfabrikanten war und sein Erbe in eine Bühne steckte. Das heutige Haus ist von 1911. Führungen stehen fast täglich um 16:00 im Spielplan, und vom 19. bis zum 26. September 2026 läuft dort das Internationale Wolkow-Festival.
Im Winter zieht das alles aufs Eis um. Die Arena-2000 an der Gagarin-Straße ist die Heimstätte des KHL-Klubs Lokomotiv, sie fasst bei Spielen 8.905 Zuschauer, und wenn nicht gespielt wird, läuft dort öffentliches Eislaufen oder ein Konzert. Was diesen Klub für die Stadt bedeutet, sieht man an einem Datum: Am 7. September 2011 kam die gesamte Mannschaft ums Leben. Seit 2021 zeigt die Schule Nummer 9, die den Namen des Spielers Iwan Tkatschenko trägt, eine Ausstellung mit ihrer Ausrüstung.
Gegessen wird auf der Kirowa, der Fußgängerstraße im Zentrum, an der die Cafés und die Souvenirläden liegen. Das Museum zeigt unter dem Titel „Tafel auf Jaroslawler Art“, was hier auf den Tisch kam, 200 Rubel, und im Sommer richtet die Stadt das Picknick „Pir na Wolge“ aus, ein Fest für Essen und Trinken. Mitnehmen lässt sich die Schokolade des Hauses „Sobranije“, die das Tourismusportal der Oblast unter den Mitbringseln der Stadt führt.
Was die Stadt sonst so treibt, zählt die Stadtverwaltung selbst: mehr als fünfzig touristische Veranstaltungen im Jahr. Die größten sind die Hauptmasleniza des Landes mit rund 100.000 Besuchern und der Tag der Stadt mit rund 80.000. Wer davon etwas erwischen will, braucht sein Hotel früh.
Wenn es regnet
Das kommt hier öfter vor, als der Reiseplan verträgt. An Regentagen schließen in Jaroslawl die Elias-Kirche, die Glockenwand, die Wehrmauern und die Erlöserkathedrale, alle auf einmal. Dann hat die Stadt ein Angebot, das anderswo fehlt.
Das Zentrum Walentina Tereschkowas, das Planetarium an der Kotorosl, wurde am 7. April 2011 eröffnet, im Jahr der Kosmonautik und im Beisein Tereschkowas selbst. Der Sternensaal hat eine Kuppel von zwölf Metern Durchmesser und über 300 Quadratmetern Fläche, auf die 7.500 Sterne einzeln projiziert werden, und er fasst 92 Zuschauer. Dazu kommt eine Sternwarte mit drehbarer Fünf-Meter-Kuppel und einem Teleskop von 203 Millimetern Öffnung. Dort passen 15 Leute gleichzeitig hinein, gebucht wird vorher telefonisch, und beobachtet wird nur bei klarem Himmel.
Die erste Frau im All stammt aus dem Gebiet Jaroslawl, und ihr Museum steht dort, wo sie herkommt: „Kosmos“ im Dorf Nikulskoje im Rajon Tutajew, eine Filiale des Museum-Reservats. Zu sehen sind die nachgebaute Bauernstube der Familie Tereschkow und eine echte Kabine des Raumschiffs „Wostok“, die im Orbit war. Von diesen Kabinen sind fünf erhalten, und eine steht hier. Der Marssaal daneben arbeitet mit 3D-Druck und einer achtzehn Meter breiten Panoramaleinwand.
Wenn du wirklich nur einen Tag hast
- Reihenfolge: Kloster zuerst, dann über die Strelka auf die Wolgapromenade und an ihr entlang nach Norden, zurück über die Innenstadt. So hast du das Wasser am Nachmittag im günstigen Licht.
- Fertiger Weg: Wenn du nicht planen willst, nimm den Bärenpfad, 6,3 Kilometer mit Audioguide-Stelen, vom Museum bis zur Rotunde.
- Zeitbedarf: Diese Runde ist ein halber Tag. Der zweite halbe gehört den Kirchen: Elias-Kirche im Zentrum, Korowniki auf der anderen Seite der Kotorosl.
- Öffnungszeiten: Museumsgelände Mittwoch bis Sonntag; von Mai bis September öffnet das Museum an jedem ersten und dritten Dienstag im Monat erst um 12:00. Die Christi-Geburt-Kirche ist von Oktober bis Mai zu und danach nur nach Voranmeldung fünf Tage vorher zu sehen.
- Im September 2026: vom 19. bis zum 26. läuft das Internationale Wolkow-Festival, der große Theatertermin der Stadt. In denselben Tagen bietet das Museum einen Kurs im Bemalen von Kacheln an, 700 Rubel.
- Anreise: „Lastotschka“ ab dem Jaroslawler Bahnhof in Moskau, knapp drei Stunden. Mit dem Auto rund 270 Kilometer über die M8.
- Wann: Mai bis Anfang Oktober, wenn die Innenräume offen sind und Schiffe fahren. Februar und März sind die Alternative für alle, die Licht und Leere über Innenräume stellen.
Alle Fakten zur Stadt stehen kompakt im Städteporträt Jaroslawl.
Stand dieses Beitrags: 26. August 2026. Quellen, alle russisch: das Jaroslawler Museum-Reservat zu seiner Geschichte, zur Erlöserkathedrale, zur Ausstellung zum Igorlied sowie zu Zeiten und Preisen; die Mairie der Stadt Jaroslawl zu den Zahlen der Stadt, zum Wappen und zur Geschichte, dieselbe Mairie zu den Festen sowie zur Uspenski-Kathedrale; die Gebietsbibliothek Nekrassow zur Promenade und zur Rotunde; die Tourismusverwaltung der Oblast zu Jaroslawl, zum Wolkow-Festival und zum Bärenpfad; der Jaroslawler Zoo und die Arena-2000 über sich selbst; die Mairie zur Ausstellung „Hockeybruderschaft“ und zur Arena; das Kulturportal der Oblast zur Jaroslawler Kopeke; das Wolkow-Theater und das Zentrum Tereschkowas über sich selbst und das Museum „Kosmos“.
Preise und Zeiten ändern sich. Prüfe sie vor der Fahrt an der Quelle.