Poretschje-Rybnoje: 94, 82 oder 80 Meter
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Von der Fernstraße M8 siehst du ihn, bevor du weißt, wonach du schaust. Ein fünfgeschossiger Turm steht über flachem Gemüseland, und er steht dort falsch. So etwas gehört in eine Stadt.
Vier Kilometer neben der Straße, südlich von Rostow Weliki, liegt Poretschje-Rybnoje. Dass der Turm der höchste Dorfglockenturm Russlands ist, schreiben alle russischen Stellen, die über ihn schreiben. Wie hoch er ist, schreiben sie verschieden.
Drei Zahlen für denselben Turm
Die Gebietsbibliothek Jaroslawl, die den Ortsartikel mit Literaturverzeichnis führt, nennt 94 Meter. Die Verwaltung des Rostower Rajons nennt in ihrer Wochenendroute ebenfalls 94. Das Tourismusportal der Oblast nennt 82. Und die Regierung derselben Oblast schrieb im Januar 2026, als sie die Restaurierung ankündigte, 80.
Zwischen der höchsten und der niedrigsten Angabe liegen vierzehn Meter. Das ist mehr, als die meisten Dorfkirchen überhaupt hoch sind.
Aufgelöst hat diesen Widerspruch bisher niemand. Die alten Ortsbeschreibungen rechneten nicht in Metern, und das Ergebnis siehst du an den drei Zahlen: Sie stehen alle in amtlichen russischen Quellen, sie stehen teils in Papieren derselben Verwaltung, und sie widersprechen einander seit Jahrzehnten, ohne dass es jemanden vor Ort zu stören scheint.
Im Ort ist die Frage nämlich längst entschieden, nur anders. Der Festkalender, den die Oblast für Poretschje führt, beginnt im Januar mit einem Eintrag, der „Weihnachten am Glockenturm” heißt.
Was oben hängt, und was oben stand
Die Denkmalbehörde der Oblast beschreibt, was der Turm einmal trug: 21 Glocken, die größte davon über fünfeinhalb Tonnen schwer. Zum Vergleich lohnt sich der Blick elf Kilometer nach Norden, denn auf der Glockenwand des Rostower Kremls hängen fünfzehn, und dieses Geläut kennt man weit über Russland hinaus.
Im obersten Geschoss stand außerdem eine Uhr, deren Zifferblatt von allen Seiten zu sehen war. Ein Dorf mit einer Turmuhr, die man vom Feld aus ablesen konnte: Das war im Rostower Kreis die Ausnahme.
Die Malerei, die geblieben ist
An der Fassade der Kirche hat sich die Malerei erhalten, und zwar durch die ganze Sowjetzeit hindurch. Als sie untersucht wurde, fanden sich darauf die Namen der jaroslawischen Wandmaler, die sie ausgeführt hatten. Das ist selten. Wandmaler haben ihre Arbeit meist nicht gezeichnet.
Der bauliche Zustand des Ensembles ist ernst, und die Oblast sagt das offen. Genau deshalb steht der Turm heute dort, wo er steht: ganz oben auf der Liste.
Eine Ikone von 1649, die den Ort beim Namen nennt
Der älteste Gegenstand, der von Poretschje erzählt, hängt nicht in Poretschje. Er liegt im Rostower Kreml.
Es ist eine Kasaner Gottesmutter, gemalt 1649 vom Priester und Ikonenmaler Timofej in Rostow, gut 91 mal 77 Zentimeter groß. Auf der Rückseite steht in großen Buchstaben, für wen sie bestimmt war: für die Kirche des Großmärtyrers Nikita im Dorf Poretschje „hinter dem See”, geschrieben und vollendet am 20. Oktober.
Die Ikone beweist nebenbei etwas, das im Ort leicht untergeht. Die steinerne Nikita-Kirche wurde erst 1772 bis 1779 gebaut. Die Gemeinde, für die sie gebaut wurde, gab es da schon über hundert Jahre.
Ein Bauernmaler zeichnet das ganze Dorf
Im April 1857 setzte sich ein Mann namens Wassili Grigorjewitsch Baschkow vor Poretschje hin und zeichnete es ab. Baschkow war Bauer, hatte das Zeichnen bei niemandem gelernt und arbeitete im Auftrag eines Poretschjers namens Schestakow. Das Blatt liegt heute im Rostower Kreml, 40,5 mal 63 Zentimeter, Aquarell und Gouache, mit Datum und Unterschrift unter dem Bild.
Was er festhielt, war kein Dorf. Es waren lange Straßen steinerner Häuser, die öffentlichen Gebäude am Platz und drei Kirchen. Das Tourismusportal der Oblast formuliert es heute so, dass Poretschje im 19. Jahrhundert aussah wie eine „reiche Stadtschönheit”, mit gepflasterten Straßen. Der Ortsgrundriss stammt aus dem 18. Jahrhundert, angelegt unter Graf Orlow, dem Katharina II. das Dorf 1772 geschenkt hatte. Der Gasthof am Platz kam 1857 dazu, im selben Jahr, in dem Baschkow zeichnete.
Ein Autor namens Nikolski beschrieb den Ort 1848 in der Gouvernementszeitung. Die Kirchen, schrieb er, seien „die erste Besonderheit und die schönste Zierde von Poretschje”, und über den Turm, er herrsche „durch Schönheit, Reichtum und Gewaltigkeit nicht nur über das Dorf, sondern über die ganze Gegend”.
Von den Innenräumen der Häuser sind Bögen, Stuck und Kachelöfen erhalten.
Wovon das Dorf das alles bezahlt hat
Vom Gemüse. Und davor vom Fisch.
Der Ort hieß zuerst Poretschje-Lowezkoje, nach den Fängern, und war Platz der fürstlichen Falkenjagd. 1629 wurde der Nerosee den Einwohnern übergeben. Der zweite Namensteil, Rybnoje, kommt daher, und am Ortstag knüpfen sie bis heute Netze, in Kursen für alle, die kommen.
Die Zählbücher des 17. Jahrhunderts nennen dann schon den Gemüsebau als Hauptbeschäftigung, verkauft wurden Zwiebeln und Knoblauch. Dass Peter der Große Poretschjer Bauern 1719 und 1720 zur Ausbildung nach Holland geschickt habe, erzählen sie im Ort gern. Das Rostower Museum und das Tourismusportal der Oblast schreiben beide ausdrücklich dazu, dass es eine Legende ist.
Belegt ist etwas anderes, und es ist die bessere Geschichte. In den 1790er und 1800er Jahren brachten Poretschjer Bauern die Zichorie in die Rostower Erde. Der Bauer Solotachin hatte lange bei einem Deutschen namens Hakman gearbeitet, der bei Wyborg ein Zichorienfeld besaß, und dort den ganzen Weg gelernt: säen, roden, waschen, hacken, trocknen, rösten, mahlen, in Papiertüten füllen. Nach Hause fuhr er, wie es in der Arbeit des Rostower Museums heißt, „mit ungefähr fünf Pfund Samen im Gepäck”.
Ob das Verfahren wirklich aus Wyborg kam, ist nicht sicher. Die Alteingesessenen sagten, es sei aus der Gegend von Riga gekommen, wohin viele aus dem Rostower Land zur Arbeit gingen. Der Heimatforscher Chranilow hielt an Hakman fest und fand, man müsse Solotachin in Poretschje ein Denkmal setzen, mit der Inschrift in goldenen Buchstaben: „Ewiges Gedenken”.
Danach ging es schnell. 1812 entstand eine Sirupfabrik, dazu die älteste Zichorienfabrik des Landes. Die Konservenfabrik, die den Ort bis heute prägt, führt das Tourismusportal auf das Jahr 1880 und den Kaufmann Korkunow zurück, das regionale Kulturportal Kultura Jaroslawii auf 1875 und einen Franzosen namens Mallon, der sie später an Korkunow abgab. Der Betrieb arbeitet, und heute stellt die AO „Poretschski” Milch- und Gemüsekonserven her.
Wie viel Geld in dem Gewerbe steckte, zeigt eine Zahl aus den Kirchenbüchern, die das Rostower Museum ausgewertet hat: 1809 ließen sich die Koslows, eine Bauernfamilie aus Poretschje, in die Rostower Kaufmannschaft eintragen, erste Gilde, mit 50 000 Rubel Kapital. Derselbe Familienname taucht an anderer Stelle wieder auf. Als Erbauer des Glockenturms gilt in der Fachliteratur Alexei Stepanowitsch Koslow, Großvater der Anastasia aus diesem Eintrag.
Der Turm wurde 1799 bis 1810 gebaut. Am Ensemble wirkten nach Angaben der Oblast die Architekten Giovanni und Domenico Gilardi mit.
Der Garten, der im Februar aufmacht
Das Rostower Museum hat im Jahr 2000 von Februar bis Oktober zehn Poretschjer Gemüsebauernfamilien begleitet. Was dabei herauskam, liest sich wie eine Betriebsanleitung für ein Handwerk, das kaum jemand kennt.
Die Saison beginnt am 23. Februar. Nach dem Feiertag gehen die Männer in den Garten, räumen den Schnee weg und packen das erste Frühbeet. Neun der zehn Familien hatten ein bis zwei Gewächshäuser von 100 bis 150 Quadratmetern. Ein Frühbeetfenster von anderthalb Metern Länge braucht 30 bis 35 Kilo Steckzwiebeln und gibt 70 bis 80 Kilo Ware, und bis das so weit ist, vergehen vierzig Tage.
Nachts wurden die Beete mit Matten aus Sumpfschilf abgedeckt, geflochten im Winter, in der warmen Diele, auf eine Weise, die der Aufsatz „besonders altertümlich” nennt. Im Nachbarort Warnizy konnte das damals schon niemand mehr.
Im Herbst fuhren fünf der zehn Familien Kartoffeln nach Moskau, meist die Sorte Lugowskaja mit Knollen bis 400 Gramm, „bei den Moskauern sehr beliebt”. Eine Tonne pro Handelstag, zwei Tage die Woche, Aufstehen um zwei Uhr nachts. Wer kein Auto hatte, fuhr auf den Basar nach Rostow. Eine Poretschjer Hausfrau fasste das Geschäft so zusammen: „Der Markt ist wie ein Kartenspiel, kein Tag ist wie der andere.”
Und für einen trockenen, sonnigen Oktober hat der Ort ein eigenes Wort. Er heißt dort „der Herbst für die Faulen”, weil selbst der, der im Sommer nichts zustande gebracht hat, dann noch etwas hinbekommt.
Verschwunden ist das nicht. Das Museum schreibt, die Gemüsebauern der Seedörfer lieferten weiterhin große Mengen Setzlinge nach Moskau und ins Umland.
Was gerade passiert
Am 27. Januar 2026 unterschrieben die Oblast Jaroslawl, die Bank PSB und der russische Restauratorenverband ein Abkommen. Das erste gemeinsame Vorhaben daraus ist der Turm von Poretschje-Rybnoje.
Vorgesehen sind die Fassaden, die Wandmalerei, ein Treppenaufgang mit metallenen Zwischenpodesten und eine neue Uhr. Ausdrücklich vorgesehen ist auch, dass Besucher hinaufkommen: Von der oberen Plattform, schreibt die Regierung, öffnet sich ein besonderer Blick auf Rostow Weliki und den Nerosee. Ein Termin steht nicht dabei. Ende Juni 2026 führte der Gouverneur den Turm unter den laufenden Schlüsselobjekten der Oblast.
Bis dahin kommst du nicht hinauf.
Der Rest der Nachrichten aus diesem Ort ist gut. Am 27. Mai 2023 wurde Poretschje in die Vereinigung der schönsten Dörfer und Kleinstädte Russlands aufgenommen, und am selben Tag fand auf dem Platz neben dem Turm der erste Jahrmarkt „Gemacht in Poretschje” statt. Im Juni 2025 unterschrieb der Gouverneur die Verordnung, die den Ort zum historischen Ort regionaler Bedeutung macht, mit festgelegten Grenzen und einem festgelegten Schutzgegenstand. Im Juli 2024 feierte der Ort seinen 695. Geburtstag.
Und dann gibt es noch das hier. Seit 2018 läuft in Poretschje ein Vorhaben, das „soziales Dorf” heißt und von der Agentur für strategische Initiativen zusammen mit der Hospizstiftung „Wera” getragen wird. Getragen wird es außerdem vom Haus der Barmherzigkeit des Schmieds Lobow, einer Hospizeinrichtung im Ort.
Am 1. Juni 2019 gab es daraus ein Kinderfest mit über fünfzig Kindern, ein Gastspiel eines Moskauer Theaters, und auf dem zentralen Platz spielten Solisten des Kammerorchesters „Gnessin-Virtuosen” der Moskauer Philharmonie eine neue Lesart von „Alice im Wunderland”. Am selben Tag nahm die Ortsbibliothek über fünfzig gestiftete Bücher an, gesammelt von den Mitarbeitern der Agentur, und zwar zur Eröffnung der ersten Bücherstation des Ortes. Sie steht seither da und braucht keinen Ausweis.
Klassische Musiker vor dem höchsten Dorfglockenturm Russlands: So beschrieb es die Koordinatorin des Vorhabens, und so stand es danach in der Meldung der Rajonverwaltung.
Der Nikita-Tag
Das größte Fest des Ortes ist nicht der Rekord und nicht der Jahrmarkt. Es ist der Tag des Großmärtyrers Nikita, dem die Kirche gehört, an der der Turm steht. Das Museum nennt den 15. September, das Tourismusportal den 28.: derselbe Tag, einmal alten und einmal neuen Stils.
An diesem Tag war die Ernte drin. Abends gingen die Kinder durchs Dorf und riefen einander zu, und in den Händen trugen sie Laternen aus getrocknetem Gemüse. Ein großer Kürbis tat es, eine Rote Bete auch: Herz heraus, Augen und Mund hineingeschnitten, Kerze hinein. Das Feuer dafür holten sie aus der Kirche.
Mit denselben Lampen schmückten sie in Poretschje die Kirchen und die Hauseingänge. Ein Dorf, das im Februar die Gartensaison eröffnet, feiert im September ihr Ende mit Licht in einer Rübe. Und mitten darin steht ein Turm, über dessen Höhe sich seit Jahrzehnten niemand einigen kann.
Wenn du hinfährst
- Museum: „Poretschski Ogorodnik”, der Poretschjer Gemüsegärtner, Mologskaja 18a, Telefon +7 48536 2-02-81. Nach dem regionalen Kulturportal Kultura Jaroslawii von Dienstag bis Samstag von 09:00 bis 17:00, sonntags und montags geschlossen. Eröffnet wurde es 2001. Gezeigt werden Gerät und Alltag des Gemüsebaus, auf Wunsch mit Tee.
- Feste: Nikita-Tag im September, dazu der Tag der grünen Gurke und der Jahrmarkt „Gemacht in Poretschje” im Juni. Die Termine vorher erfragen.
- Verpflegung: Darauf verlässt man sich hier nicht. Gegessen und übernachtet wird in Rostow Weliki.
- Tageszeit: Der Turm lohnt zweimal, bei Tag und nach Einbruch der Dunkelheit.
- Anreise: Poretschje liegt südlich von Rostow Weliki, vier Kilometer neben der M8, und ist von dort mit dem Vorortbus zu erreichen. Fahrpläne prüfst du kurz vorher; wie das geht, steht im Beitrag über das Bahnfahren in Russland.
Fast jeder kommt über Rostow Weliki hierher. Wie ein Tag dort aussieht, steht im Bericht über die Stadt, die Sache mit den Glocken im Städteporträt Rostow Weliki.
Stand dieses Beitrags: 24. August 2026. Quellen, alle russisch: die Regierung der Oblast Jaroslawl zum Restaurierungsabkommen vom 27. Januar 2026 und zu den laufenden Schlüsselobjekten, das Zentrum für Denkmalpflege der Oblast zu Glocken, Uhr und Fassadenmalerei, der Rostower Kreml zur Ikone von 1649, zum Rostower Gemüsebau, zu den Kalenderbräuchen, zu Baschkows Ortsansicht von 1857, zur Familie Koslow, zur Geschichte des Zichoriengewerbes und zur Feldstudie zum heutigen Gemüsebau, das Tourismusportal der Oblast zum Ort, das Kulturportal Kultura Jaroslawii zum Museum, die Gebietsbibliothek Jaroslawl zur Ortsgeschichte sowie die Verwaltung des Rostower Rajons zur Aufnahme in die Vereinigung, zum historischen Ort, zum Ortstag und zur Bücherstation. Öffnungszeiten und Termine ändern sich; prüfe sie vor der Fahrt an der Quelle.