Rostow Weliki
Die Stadt, die man hört, bevor man sie sieht: Jede Glocke hat einen Namen, und die drei größten bilden zusammen einen Dreiklang.
Es gibt einen Grund, warum man in Rostow Weliki zuerst beim Museum anrufen sollte, bevor man den Zug bucht: Man will die Glocken hören. Und die spielen nicht auf Zuruf.
Das „Weliki“ im Namen ist übrigens verdient. Die Stadt steht schon im Jahr 862 in der Nestorchronik und zählt damit zu den ältesten Städten Russlands. Neben Nowgorod war Rostow die einzige Stadt, die den Beinamen „der Große“ trug.
Ein Kreml, der nie eine Festung war
Der Rostower Kreml wurde zwischen 1670 und 1683 von Metropolit Iona Syssojewitsch gebaut. Elf Türme, mächtige Mauern, und keine einzige davon war je zur Verteidigung gedacht.
Das ist keine Burg. Das ist die Residenz eines Kirchenfürsten, der sich seine ideale Stadt Gottes bauen ließ. Die Wehrelemente sind Dekoration. Deshalb wirkt der Bau märchenhaft statt grimmig.
Die Torkirchen sind durch überdachte Gänge auf der Mauerkrone verbunden: Der Metropolit konnte von Kirche zu Kirche gehen, ohne je ins Freie zu treten. Diese Gänge kann man in der Saison begehen, und von dort hat man den besten Blick auf Hof und See.
Die Glocken
Auf der Glockenwand der Entschlafenskathedrale hängen fünfzehn Glocken, zusammen rund 63 Tonnen, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert. Jede hat einen Namen. Die drei großen bilden zusammen einen Dur-Dreiklang:
| Glocke | benannt nach | Gewicht | Ton |
|---|---|---|---|
| Syssoi (1688) | dem Vater des Metropoliten | rund 32 t | C |
| Polijelei (1682/83) | einem liturgischen Gesang | rund 16 t | E |
| Lebed, „Schwan“ (1682) | ihrem besonders singenden Klang | rund 8 t | G |
Die Töne hat 1884 ein Dorfpriester nachgemessen, von dem gleich die Rede ist. Seitdem ist die Bronze gealtert, und heute klingen die Glocken etwa zwei Halbtöne tiefer. Der Dreiklang stimmt also genau genommen nur noch auf dem Papier von damals.
Für den Syssoi musste eigens ein zusätzlicher Turmteil angebaut werden. Sein Klöppel wiegt etwa anderthalb Tonnen. Damit die Glocke überhaupt anschlägt, laufen zwei Glöckner in ihrem Inneren mit dem Klöppel mit, rund 42 Schläge in der Minute.
Bei stillem Wetter soll man das Läuten zwanzig Kilometer weit hören. Der Syssoi liegt so tief, dass man ihn eher im Brustkorb spürt als im Ohr. Schon Hector Berlioz kam 1869 eigens nach Rostow, um die berühmten Geläute zu hören.
Der Dorfpriester mit den selbstgebauten Stimmgabeln
Das ist die Geschichte, die aus einer schönen Sehenswürdigkeit etwas Einmaliges macht.
Erzpriester Aristarch Israilew war ein autodidaktischer Akustiker. Er fertigte Stimmgabeln von Hand, so präzise, dass er damit auf drei Weltausstellungen Medaillen gewann, und der Physiker Stoletow kaufte sein Messinstrument für die Moskauer Universität. Zehn dieser Stimmgabeln liegen bis heute im Museum.
1884 veröffentlichte er die dreizehn Rostower Glocken von damals samt Notenschrift ihrer Geläute. Es sind die einzigen erhaltenen vorrevolutionären Notationen dieser Musik. Rostow ist damit der einzige Glockenturm Russlands, dessen Klang im 19. Jahrhundert aufgeschrieben wurde. Die Geläute haben eigene Namen: Das Ioninsker und das Akimowsker sind überliefert.
1930 wurde das Läuten verboten. Dass die alten Geläute trotzdem überlebten, liegt auch an den Tonaufnahmen von 1963 und 1966: Die Schallplatte mit den Rostower Geläuten ging um die Welt, und in Bondartschuks „Krieg und Frieden“ läuten die Rostower Glocken. Seit 1987 wird wieder regelmäßig geläutet.
Der Film, den in Russland jeder kennt
Leonid Gaidais Komödie „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“ von 1973 spielt angeblich im Moskauer Kreml. Gedreht wurde sie hier, die ganze Außenhandlung, vor allem die berühmte Verfolgungsjagd über Hof und Mauern.
Der Grund war schlicht: Der Moskauer Kreml war Sperrgebiet. Wer den Film kennt, erkennt in Rostow jede Ecke wieder. Die Mauer, über die am Ende geflohen wird, ist an der Sprungstelle in Wahrheit nur zweieinhalb Meter hoch. Dem Film hat das Museum inzwischen eine eigene kleine Ausstellung gewidmet.
Ein Tornado, ein See und eine Zwiebel
Am 24. August 1953 trafen gleich zwei Tornados die Stadt, auf einer Schneise von 200 bis 500 Metern Breite. Sie rissen die Kuppeln der Entschlafenskathedrale und der Glockenwand ab, und alle elf Kremltürme wurden beschädigt. Was heute so vollständig dasteht, verdankt sich der Restaurierung unter Wladimir Banige, die bis 1957 weitgehend abgeschlossen war.
Der Nero-See, an dem der Kreml steht, ist ein Relikt aus der Zeit vor der letzten Vereisung. Er ist sehr flach, im Durchschnitt nur gut einen Meter tief, an der tiefsten Stelle keine vier, und sein Grund trägt eine Schicht jahrtausendealten organischen Schlamms, stellenweise über zwanzig Meter dick. Das ist ein außerordentlich guter Dünger, und deshalb wurde die Gegend ein Gemüsezentrum: Die Rostower Zwiebel war im Mittelalter Handelsgold.
Peter der Große erwog übrigens, auf dem Nero seine erste Übungsflotte bauen zu lassen. Der See war ihm zu flach, und so entstand das berühmte Boot schließlich auf dem Pleschtschejewo-See bei Pereslawl-Salesski.
Rostow ist nicht golden, sondern grau-silbrig. Die Kuppeln sind schuppig-silbern, nicht vergoldet. Bei Regen und tiefem Licht sieht die Stadt aus wie ein alter Kupferstich.
Finift
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist Rostow das Zentrum der russischen Emailmalerei. Die Miniatur entsteht mit Emailfarben auf einer emaillierten Kupferplatte, gemalt in vielen Schichten, und jede Schicht wird einzeln gebrannt. Daher die Tiefe und der Glanz, man nennt die Technik deshalb auch „Feuerschrift“. Die feinen filigranen Drahtfassungen, in denen die Plättchen heute stecken, kommen erst seit den sechziger Jahren dazu. Das Museum sitzt in der ehemaligen Gerichtskammer des Kreml und zeigt die größte Finift-Sammlung der Welt.
Drumherum: die Klöster
Am Seeufer, ein Stück außerhalb der Stadtmitte, steht das Spaso-Jakowlewski-Kloster. Hier ruht der heilige Dmitri von Rostow. Als man 1752 sein Grab öffnete, fand man den Leichnam unversehrt, und Graf Scheremetjew ließ ihm darüber eine Kathedrale bauen. Vom Glockenturm hat man den schönsten Rostow-Blick überhaupt, über das Wasser auf den Kreml und seine silbernen Kuppeln.
Das Awraamjew-Kloster am Stadtrand gilt als das älteste Kloster der Stadt, der Überlieferung nach schon im 11. Jahrhundert gegründet. Seine Kathedrale von 1553 stammt von Iwan dem Schrecklichen.
Wer mobil ist, fährt fünfzehn Kilometer weiter zum Borisoglebski-Kloster: eine echte Klosterfestung mit Wehrmauern und Türmen, 1363 mit dem Segen des Sergius von Radonesch gegründet.
Wann und wie
Rund 202 Kilometer nordöstlich von Moskau. Die Lastotschka braucht vom Jaroslawler Bahnhof zwei Stunden zwanzig, die normalen Züge zweieinhalb bis drei. Der Bahnhof heißt Rostow-Jaroslawski, und von dort läuft man eine Viertelstunde zum Kreml.
Achtung bei der Rückfahrt: Der letzte bequeme Zug nach Moskau fährt kurz vor zehn Uhr abends, danach geht erst wieder gegen halb drei einer. Wer einen Tagesausflug plant, sollte den Rückweg vorher prüfen.
Juni bis Anfang September für Seefahrten und langes Licht. In dieser Zeit sind auch die Mauerwege im Kreml geöffnet, im Winter sind sie zu. Das andere große Motiv ist Februar oder März: der zugefrorene Nero-See, gleißend weiß, mit den Klöstern als Scherenschnitt am Horizont.
Das Kombi-Ticket fürs Museum gilt zwei Tage. Wer die Klöster am Ufer noch mitnimmt, kann das gut brauchen.
Und noch einmal: Frag beim Museum nach den Terminen der Glockenvorführungen. Sonst hörst du sie womöglich gar nicht, und das wäre schade, denn sie sind der Grund herzukommen.