Wladimir: Der Fürst, der die Stadt baute, und die Nacht, in der er starb
4 Min. Lesezeit
Wladimir lässt sich an einem Tag laufen, wenn du dich an eine Person hältst statt an eine Liste.
Die Uspenski-Kathedrale, das Goldene Tor, die Kirche an der Nerl und die Burg in Bogoljubowo gehen auf denselben Auftraggeber zurück: Andrei Jurjewitsch, genannt Bogoljubski. Was er zwischen 1158 und 1165 bauen ließ, ist der Grund, warum diese Stadt seit 1992 auf der Welterbeliste steht.
Der Tag folgt ihm, und er endet nicht gut.
Vormittag oben auf dem Kamm
Der alte Kern liegt auf einem Rücken über der Kljasma, und alles Wichtige liegt auf einer Linie. Vom Goldenen Tor am Westende bis zur Demetrius-Kathedrale am Ostende ist es gut ein Kilometer Fußweg.
Nimm die Uspenski-Kathedrale früh. Sie ist von 1158 bis 1164 entstanden, nach dem Brand von 1185 erweitert, und sie war später das Vorbild für den Hauptdom des Moskauer Kremls. Der Mann, der sie bestellt hat, liegt in ihr begraben, und zwar seit drei Tagen nach seinem Tod.
Wie er dorthin kam, ist die Geschichte des Nachmittags.
Zehn Kilometer weiter steht sein Haus
Nach Bogoljubowo fährt der Bus. Was dort steht, sieht auf den ersten Blick nach einem gewöhnlichen Kloster aus, mit einer großen Kathedrale, die Konstantin Ton zwischen 1855 und 1866 im russisch-byzantinischen Stil gebaut hat, und einer Torkirche mit Glockenturm von 1841.
Interessant ist das Kleine daneben.
Andrei ließ sich hier ab 1158 eine befestigte Residenz bauen und wohnte in ihr bis zu seinem Tod. Erhalten sind davon ein Treppenturm und der Übergang, der ihn mit der Geburtskathedrale verbindet. Das ist wenig, und es ist trotzdem ein Ausnahmefall: Es gilt als das einzige Zivilgebäude der vormongolischen Rus, das sich, wenigstens teilweise, bis heute erhalten hat. Alles andere aus dieser Zeit ist Kirche.
Erkannt hat das erst der Archäologe Nikolai Woronin im Jahr 1954. Bis dahin galt der Palast als verloren, und der Turm stand da wie ein beliebiger Anbau.
Die Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1174
Genau dort, unter diesem Treppenturm, endete die Sache.
In dieser Nacht drangen etwa zwanzig Verschwörer in die Residenz ein, in ihrer Mehrzahl Angehörige der Familie Kutschkowitschi, dazu der Schlüsselverwalter Anbal. Der Chronik nach hatten sie vorgesorgt: Anbal hatte das Schwert aus der Kammer geholt, das Andrei als Schwert des heiligen Boris galt. Als der Fürst danach griff, war es nicht mehr da.
Er wehrte sich, wurde niedergeschlagen und blieb liegen. Die Täter gingen davon aus, dass er tot war, und zogen ab. Er kam wieder zu sich und schleppte sich weg. Sie folgten der Blutspur, fanden ihn und töteten ihn im Beten.
Danach wurde der Palast geplündert, und der Leichnam lag zunächst unbeachtet. Es war ein Höfling namens Kusma aus Kiew, der ihn schließlich in die Kirche brachte. Drei Tage später wurde er nach Wladimir gebracht und in der Uspenski-Kathedrale bestattet, in der du am Vormittag warst.
Wo die Namen stehen
Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, dass sie nicht allein in Chroniken steht.
2015 fanden Forscher an der Südapsis der Verklärungskathedrale in Pereslawl-Salesski ein eingeritztes Graffito von 1175 oder 1176. Mit einer räumlichen Vermessung ließ sich der beschädigte Text fast vollständig lesen. Er nennt zwölf Mörder des Fürsten beim Namen, spricht einen Fluch über sie aus und setzt für den Ermordeten ein ewiges Gedenken.
Ein Jahr nach der Tat hat jemand die Namen in eine Kirchenwand gekratzt. Sie stehen heute noch da, hundert Kilometer von der Stelle entfernt, an der es passierte.
Andrei wurde später heiliggesprochen. Das Kloster in Bogoljubowo entstand auf dem Gelände seiner Burg, und es gibt die Deutung, dass es als Sühne für diesen Mord gegründet wurde. Ob das so gemeint war, weiß niemand sicher. Dass an dieser Stelle heute Klosterbetrieb ist, ist Tatsache.
Und dann noch anderthalb Kilometer über die Wiese
Vom Bahnhaltepunkt Bogoljubowo führt ein Fußweg von gut anderthalb Kilometern durch die Aue zur Mariä-Schutz-Kirche an der Nerl, die derselbe Auftraggeber bauen ließ.
Sie steht auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, weil die Wiese ringsum im Frühjahr unter Wasser steht. Genau in dieser Zeit, meist im April, ist der Fußweg nicht begehbar, und die Kirche steht auf einer Insel. Es ist das einzige Bild von ihr, das nicht auf jeder zweiten Postkarte zu sehen ist, und du bekommst es nur, wenn du im richtigen Monat kommst und mit dem Fernglas zufrieden bist.
Sonst ist der Weg unspektakulär und genau richtig für den Schluss eines solchen Tages: eine Wiese, ein Bahnübergang, dann steht sie da.
Wenn du wirklich nur einen Tag hast
- Reihenfolge: Am Vormittag oben auf dem Kamm, vom Goldenen Tor bis zur Demetrius-Kathedrale. Nach dem Mittag mit dem Bus nach Bogoljubowo, dort erst der Treppenturm, dann zu Fuß hinaus zur Nerl.
- Zeitbedarf: Die Stadt ist ein halber Tag, Bogoljubowo mit dem Fußweg der andere. Wer Susdal anhängen will, braucht eine Übernachtung.
- Anreise: Die schnellsten „Lastotschka”-Verbindungen aus Moskau brauchen 1:41 Stunden, das ist die kürzeste Anfahrt aller Ringstädte.
- Vorher prüfen: Der Wasserturm mit dem Museum „Altes Wladimir” ist seit dem 22. Juni 2026 wegen Restaurierung geschlossen. Für die Aussicht über die Kljasma-Aue brauchst du also den Park hinter der Uspenski-Kathedrale.
Alle Fakten zu Anreise und Reisezeit stehen kompakt im Städteporträt Wladimir.