Susdal: Ein Nachmittag zwischen Kuppeln und Kuhwiesen
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Ich bin mit dem letzten Bus des Vormittags in Susdal angekommen, und schon nach den ersten hundert Metern hatte ich das Gefühl, versehentlich in ein anderes Jahrhundert gestiegen zu sein. Keine Hochhäuser, keine Ampeln, dafür eine Wiese, über die eine Kuh gemächlich Richtung Fluss trottet, und dahinter, wie hingestreut, ein Dutzend weißer Kirchen. Ich blieb einfach stehen und schaute.
Eine Stadt ohne Eile
Susdal ist klein, kaum mehr als ein großes Dorf, und genau das ist sein Geheimnis. Während andere Städte des Goldenen Rings gewachsen und modernisiert wurden, hat man hier irgendwann beschlossen, die Zeit anzuhalten. Es gibt eine Regel, die verbietet, hoch zu bauen, und so blieb der Himmel über Susdal frei für das, was zählt: Zwiebeltürme, Wolken und das lange Abendlicht.
Man läuft die Hauptstraße entlang, vorbei an windschiefen Holzhäusern mit geschnitzten Fensterrahmen, und alle paar Schritte öffnet sich der Blick auf eine weitere Kirche. Angeblich gibt es hier mehr Gotteshäuser als Straßen. Ich habe nicht nachgezählt, aber geglaubt habe ich es sofort.
Der Fluss und die Wiesen
Am schönsten fand ich den Weg hinunter zur Kamenka, dem kleinen Fluss, der sich träge durch die Stadt windet. Auf der einen Seite die Wälle des alten Kremls, auf der anderen Wiesen, auf denen tatsächlich Heu gemacht wird. Ich habe mich ins Gras gesetzt und den Nachmittag verstreichen lassen, während die Kuppeln in der Ferne langsam ihre Farbe wechselten.
In Susdal misst man die Zeit nicht in Stunden, sondern in Wolken, die über die Kirchtürme ziehen.
Es war einer dieser Momente, in denen ich verstanden habe, warum ich mein altes, durchgetaktetes Leben in Deutschland gegen dieses hier eingetauscht habe. Nicht wegen der Sehenswürdigkeiten. Wegen der Ruhe.
Holz, das nach Wärme aussieht
Am Rand der Stadt liegt ein Museum unter freiem Himmel, in dem alte Bauernhäuser und Holzkirchen zusammengetragen wurden, ganz ohne Nägel gezimmert. Ich bin gern durch diese dunklen, niedrigen Stuben gegangen und habe versucht, mir das Leben darin vorzustellen: den Winter, den Ofen, die langen Abende. Es hat etwas Tröstliches, wie beständig diese schlichten Bauten wirken.
Danach ein Glas Medowucha, der leicht süße Honigwein, für den Susdal berühmt ist. Er schmeckt nach Sommer, auch wenn draußen schon der erste kühle Wind über die Wiesen streicht.
Warum ich wiederkomme
Susdal ist kein Ort für einen vollgepackten Tagesplan. Es ist ein Ort zum Langsamwerden, zum Schauen, zum Nichtstun mit gutem Gewissen. Ich bin am Abend im Bus zurückgefahren, den Kopf am Fenster, und habe zugesehen, wie die letzten Kuppeln im Dämmerlicht verschwanden. Und wusste schon da, dass ich wiederkommen würde.
Gut zu wissen
- Anreise: Von Moskau fährt man zunächst per Zug oder Bus nach Wladimir und von dort mit dem Bus weiter nach Susdal. Susdal selbst hat keinen Bahnhof, was zu seiner Abgeschiedenheit beiträgt.
- Beste Reisezeit: Der Sommer für die grünen Wiesen, der Winter für verschneite Kuppeln und Schlittenfahrten. Beides hat seinen eigenen Zauber.
- Geheimtipp: Früh aufstehen und vor dem Frühstück zum Flussufer gehen. In der Morgenstille, wenn der Nebel über der Kamenka liegt, gehört die Stadt für eine Stunde fast nur einem selbst.
- Übernachten: Wer kann, sollte bleiben. Susdal am Abend, wenn die Tagesgäste weg sind, ist eine andere, stillere Stadt.
Titelbild: Ludvig14, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons