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Weiße Nikolaus-Kirche mit grünen Zwiebeltürmen in Jaroslawl unter herbstlichem Himmel
Reisen

Jaroslawl: Wo die Wolga der Stadt den Takt gibt

3 Min. Lesezeit

Es gibt einen Moment am frühen Abend, wenn die Sonne tief über der Wolga steht und die weißen Kirchenmauern von Jaroslawl anfangen zu glühen, als hätte jemand von innen ein Licht angezündet. Ich stehe auf der Uferpromenade, ein Eis in der Hand, und schaue den Ausflugsschiffen zu, die träge flussaufwärts tuckern. Von irgendwoher weht Akkordeonmusik herüber. In solchen Augenblicken verstehe ich, warum ich hierbleiben wollte.

Eine Stadt, die dem Fluss gehört

Jaroslawl liegt dort, wo die Kotorosl in die Wolga mündet, und man merkt der Stadt an, dass sie ihr ganzes Leben lang zum Wasser hin gewachsen ist. Die Kaufleute, die sie im Mittelalter reich machten, verdankten ihren Wohlstand den Booten, die hier festmachten. Bis heute ist die Wolga keine Kulisse, sondern ein Nachbar: Man geht an ihr entlang, man setzt sich an ihr Ufer, man richtet den Tag nach ihrem Licht.

Der historische Kern der Stadt gehört zum UNESCO-Welterbe, und anders als in manchen herausgeputzten Altstädten fühlt sich das hier nicht wie ein Museum an. Zwischen den Kirchen wird eingekauft, gestritten, Kaffee getrunken. Die Vergangenheit steht nicht hinter Glas, sie ist einfach da.

Kirchen, die nach Ocker und Ziegel schmecken

Was mich in Jaroslawl immer wieder überrascht, sind die Farben. Ich hatte russische Kirchen weiß und golden in Erinnerung, aber hier leuchten die Fassaden in warmem Ziegelrot, und im Inneren bedecken Fresken vom Boden bis zur Kuppel jede freie Fläche. Die Kirche des Propheten Elija am zentralen Platz ist so ein Ort: Man tritt aus dem Sonnenlicht in ein gedämpftes Halbdunkel, und langsam schälen sich aus den Wänden Hunderte kleiner Szenen heraus.

Man muss kein gläubiger Mensch sein, um sich davon berühren zu lassen. Es ist eher das Staunen darüber, wie viel Arbeit, Geduld und Überzeugung in diese Räume geflossen sind.

Jaroslawl drängt sich nicht auf. Es wartet, bis man langsamer wird, und schenkt einem dann alles auf einmal.

Abseits der großen Plätze

Am liebsten mag ich die Stunden, in denen ich kein Ziel habe. Die Seitenstraßen der Altstadt sind voll von niedrigen Kaufmannshäusern in Pastelltönen, dazwischen ein Hinterhof mit wildem Flieder, eine Bank unter einer Linde, ein Kiosk, an dem eine ältere Frau selbstgebackene Piroggen verkauft. Nichts davon steht im Reiseführer, und genau das macht es kostbar.

Später ziehe ich weiter zum Strelka, der Landzunge am Zusammenfluss der beiden Flüsse. Hier haben sie einen Park angelegt, mit Springbrunnen und weiten Rasenflächen, und am Wochenende sitzen halb Jaroslawl und ich hier im Gras und schauen dem Wasser beim Fließen zu.

Ein Takt, der ansteckt

Was ich an dieser Stadt gelernt habe, ist das Tempo. Jaroslawl hat es nicht eilig, und nach ein paar Tagen habe ich es auch nicht mehr. Der Fluss gibt den Rhythmus vor, und alles andere ordnet sich unter. Für einen Deutschen, der mit vollen Kalendern aufgewachsen ist, war das anfangs schwer auszuhalten und ist heute das, was ich am meisten schätze.

Gut zu wissen

  • Anreise: Vom Jaroslawler Bahnhof fahren regelmäßig Schnellzüge nach Moskau, die Fahrt dauert nur wenige Stunden. Die Altstadt erreicht man vom Bahnhof gut mit dem Bus oder zu Fuß.
  • Beste Reisezeit: Spätfrühling bis Frühherbst, wenn die Promenade lebt und die Ausflugsschiffe fahren. Der frühe Herbst mit seinem klaren Licht ist mein persönlicher Favorit.
  • Geheimtipp: Am späten Nachmittag auf die untere Ebene der Wolga-Promenade hinuntersteigen. Dort ist es ruhiger, das Licht ist weicher, und man hat den Fluss fast für sich allein.
  • Zeit einplanen: Zwei Tage reichen für die Höhepunkte, aber Jaroslawl belohnt jeden, der einen dritten Tag zum Bummeln übrig hat.

Titelbild: Florstein (WikiPhoto.Space), CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons